Filmtipp

Die Tribute von Panem - Mockingjay Teil 2

Zukunftsdystopie mit Katniss Everdeen, der Gallionsfigur der Revolution

Die Stimme des Widerstands ist heiser. Krächzend drückt sie durch die Kehle mit den tiefblauen Würgemalen: „Ich bin Katniss Everdeen.“ Das Ende der „Tribute von Panem“-Reihe beginnt konsequent mit einer Totalen auf Katniss, jene junge Frau, die dem „Spotttölpel“ als immer mächtigerem Symbol des Widerstands Flügel verlieh.

In der dystopischen Roman-Trilogie von Suzanne Collins werden zwölf Distrikte der diktatorischen Nation Panem von einem urbanen Machtzentrum namens Kapitol unterjocht und mit mörderischen, von Kindern ausgefochtenen „Hungerspielen“ ruhig gestellt. Treffsicher mit Pfeil und Bogen, war Katniss dabei nie eine dieser offensichtlich durch Kraft oder Köpfchen überragenden Heldinnen, die andere Franchises etablieren. Bei ihr sind es Mitgefühl und Mitmenschlichkeit, mit der sie Freund und Feind begegnet, Attribute, die den Kreislauf der Gewalt gleich mehrmals durchbrechen. Damit wurde Katniss (nicht nur) bei jungen Fans zur Identifikationsfigur par excellence in einer anspruchsvollen Erzählung, in der Themen wie Oligarchie, Totalüberwachung und Propaganda als Vorboten einer sich rasant verändernden Wirklichkeit fungieren.

Der Würgeangriff auf Katniss erfolgte am Ende von „Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1“ (fd 42 780) –, ausgeführt ausgerechnet vom aus dem Kapitol befreiten Peeta, an dessen Seite Katniss einst für Distrikt 12 in die Arena gestiegen war. Nun „gehirngewaschen", deklariert Peeta sie zur größten Feindin des Friedens, und seine Attacke ist nicht nur ein Angriff auf die Rebellion: Sie ist ein Angriff auf den Zuschauer selbst, der sich im vorangegangenen Teil gemeinsam mit Katniss im Bunkersystem des vermeintlich ausgelöschten Distrikt 13 festgesetzt sah, wo dem dekadenten Kapitol-Leben ein karg auf Krieg getrimmtes (Über-)Leben der Rebellenschar um Anführerin Alma Coin entgegengesetzt wurde.

Nun bewegt sich der Abschlussfilm aus der brüchigen Sicherheit des Kokons, der inszenatorisch und narrativ keine großen Sprünge zuließ, wieder hinaus, und dies tut der Handlung gut: Deutlich nehmen Intensität und Tiefe bezüglich der moralischen Zwiespälte zu und schaffen erneut ein von grausamen Fallen gespicktes Schlachtfeld, in dem allein das Überleben von Katniss zählt. Schauplatz ist dabei nicht mehr die trügerische Natur der gigantischen Kuppel-Arena, sondern das kühl in die Höhe gereckte Kapitol, dessen Setting an „Metropolis“ gemahnt und zwischen dessen Gebäudeschluchten sich Feuersbrünste, pechschwarze Ölmassen und augenlose Mutanten über den kleinen Einsatztrupp ergießen. Alma Coin hatte Katniss eigentlich als Mut machende, jedoch inaktive Gallionsfigur der Revolution eingeplant, deren „Sturm auf die Bastille“ lediglich für Propagandazwecke gefilmt werden sollte; doch das Mädchen tüftelt in Eigenregie am Tyrannenmord: Präsident Snow muss sterben, damit Panem leben kann. Die machthungrige Coin beginnt, ihre wichtigste Schachfigur als Bedrohung wahrzunehmen, und da zudem noch Peeta wortwörtlich immer wieder querschießt, verschärft sich die Situation zusätzlich von innen heraus.

In Zeiten solch postapokalyptischer Zustände, in denen bisherige Wegpfeiler wegfallen, wird das „wahr“ und „nicht wahr“ für Katniss und Peeta zum einander abtastenden Erinnerungsspiel. Daran beginnen sie sich auszurichten, wobei für unbeirrbare Heldinnen und Helden ohnehin kein Platz mehr ist – für klare Grenzen zwischen Gut und Böse erst recht nicht. Der Propaganda und dem zu Beginn groß eingefangenen Gesicht von Katniss bedienen sich alle Seiten, während ihre Worte zunehmend im Waffengetöse untergehen. Die Tyrannei lockt „zum Wohle aller“. Nur wenige durchschauen dies, während sich die meisten Menschen ans nackte Überleben klammern – ob als Bewohner der dauerbeschossenen Distrikte oder als wohlhabende Flüchtlinge in der eigenen Stadt. Am Ende erweisen sich Snow und Coin als die zwei Seiten derselben Medaille, mit der Kollateralschäden und zivilisatorische Entgleisungen teuer bezahlt werden. Dass es „Tribute von Panem“ seinen jungen Zuschauern möglich macht, aus der Fiktion Parallelen zur Gegenwart zu ziehen, gehört zu den großen Stärken des düsteren Finales, das in einer Sequenz sogar veritable Assoziationen zu „Aliens“ erweckt. Irritierend daran ist, dass Katniss’ Suche nach der „richtigen Seite“ (ähnlich wie bei „Harry Potter“) in einer etwas kitschig auf familiären Rückzug hinauslaufenden Zukunftsvision mündet, die besagt, dass die tradierte Erzählung der Überlebenden nachkommende Generationen vor denselben Fehlern bewahren kann. Vielleicht sagt dieses Ende aber auch etwas über die anvisierte Zielgruppe aus, die trotz zunehmender Orientierungslosigkeit willens ist, Fehler der Vergangenheit nicht zu vergessen.

Kathrin Häger
Filmdienst
November 2015

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