Filmtipp

Steve Jobs

Biografischer Film über den Apple-Mitbegründer Steve Jobs

Wenn Computer zu sprechen beginnen, dann ist das im Kino durchaus Anlass für ein begründetes Unbehagen. So sanft und bedächtig die Stimme von HAL in „2001: Odyssee im Weltraum“ (fd 15 732) auch war, so lebensgefährlich entpuppte sich die Künstliche Intelligenz für die Besatzung.

1984, wenige Minuten vor einer wichtigen Produktpräsentation von Apple. Zwei Tage zuvor hat die Firma mit einem von Ridley Scott inszenierten spielfilmähnlichen Werbespot während der Superbowl-Halbzeit für Furore gesorgt. Nun soll ein Computer reden. Steve Jobs, der Mitbegründer der Computerfirma, will die Revolution. Er will die Rolle der Technik im Leben der Menschen verändern. Dazu soll sein „Baby“, der neue Macintosh-Rechner, der erstmals über eine grafische Benutzeroberfläche verfügt und dessen Design ein abstraktes Lächeln imitiert, das Publikum mit einem freundlichen „Hello“ begrüßen. Der Beginn einer neuen Ära. Doch das Programm stürzt ab.

Nahezu in Echtzeit folgt das erste Drittel des Films dem verbissen-zielstrebigen Manager hinter den Kulissen. Die Zeit läuft davon, die Stimmung ist angespannt. Jobs droht seinen Mitarbeitern mit öffentlicher Demütigung, falls die Präsentation nicht nach seinen Wünschen verläuft. Dann taucht auch noch seine Ex- Freundin mit ihrer Tochter Lisa auf, deren Vaterschaft Jobs vehement abstreitet, und ein Programmierer bittet ihn, die Leistung des Entwicklerteams auf der Bühne zu würdigen. Als die Show dann endlich beginnen soll, folgt ein harter Schnitt: Die Minuten vor einer anderen Präsentation, vier Jahre später. Nach seinem Rausschmiss bei Apple bereitet sich Jobs auf die Vorstellung seines NeXT-Computers vor. Der nächste, ebenso harte Zeitsprung führt schließlich ins Jahr 1998. Jobs ist mittlerweile wieder bei Apple, der Launch des iMac steht bevor.

„Steve Jobs“ ist weniger Biopic als eine überraschend radikal angelegte Charakterstudie unter laborähnlichen Bedingungen. Denn das Drehbuch arbeitet sich nicht brav an den Lebensstationen von Jobs ab, sondern konzentriert sich auf drei lange Sequenzen, in die nur fragmentarisch kurze Rückblenden eingebunden sind. Zu jedem Zeitpunkt treffen dieselben Figuren in ähnlichen Settings aufeinander und reden, reden, reden. Ein Dialogmonster, auf den Punkt geschrieben von Aaron Sorkin, der sich bereits mit seinem Skript zu „The Social Network“ (fd 40 089) um den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg einer der einflussreichsten Persönlichkeiten der gegenwärtigen Technologiebranche gewidmet hat. Gespräche zwischen den Figuren werden zu Duellen, in denen es vor allem um Macht geht. Regisseur Danny Boyle, bekannt für seinen filmischen Bewegungsdrang selbst in den unmöglichsten Situationen („127 Hours“, (fd 40 317)), inszeniert diese auf begrenztem Raum so temporeich, dass die Wortgefechte nicht selten tatsächlich wie Actionszenen wirken oder ein Konflikt auf zwei Zeitebenen in einer brillanten Szene (wenngleich nach exakter Vorgabe des Drehbuchs) zu einem fließenden, zeitumgreifenden Dialog montiert wird.

Während das Filmmaterial vom grobkörnigen 16mm-Film über den warmen 35mm-Film bis hin zum sterilen digitalen Bild auch visuell die Veränderung der Zeit sichtbar macht und eine Geschichte der technologischen Entwicklung erzählt, unterstützt das Szenenbild präzise den Inhalt der jeweiligen Szenen. Im Orchestergraben wird Jobs zum Dirigenten, auf der Bühne zum Popstar, in der Garderobe aber fällt die Maske.

Es gibt einige Szenen, in denen man „Steve Jobs“ als Huldigung lesen kann. Tatsächlich inszeniert Boyle den Hype um die Auftritte mit größtmöglichen manipulativen filmischen Mitteln. Der Film verhehlt seine Bewunderung nicht und erzählt durchaus davon, wie die von Jobs vermarkteten Produkte das (Kommunikations-)Design, den Stellenwert von PCs und elektronischen Gadgets im Alltag und damit tatsächlich die Art, wie wir kommunizieren und mit Technik umgehen, verändert haben. Eine uneingeschränkte Wertschätzung aber resultiert daraus nicht, vielmehr eine distanzierte.

Zu Grunde liegt die Faszination für diesen Mann, der zwar seine Vision durchzusetzen versteht, aber menschlich versagt. Perfektionistischer Manager, schlechter Vater und Partner (in beruflichen und privaten Beziehungen). Diese Elemente verbindet der Film zu einem modernen Königsdrama, das von großen Träumen, einem tiefen Fall, von Verrat, sorgsam geplanter Rache, verlorenen Söhnen und Töchtern und einer nahezu religiösen Wiederauferstehung erzählt. Die Informatik-Terminologie wird dabei zur Chiffre für Jobs’ Überzeugung: Geschlossene Systeme wolle er entwerfen, nichts für Bastler. Jobs möchte die maximale Kontrolle über sein Produkt ausüben und vorschreiben, was damit getan wird. Er hat alle Fäden in der Hand, ist der Schöpfer, nicht mehr und nicht weniger.

Den Blick hinter die große Bühne der Aufmerksamkeit verdichtet der Film zugleich zu einem Psychogramm, das facettenreich um zwei Pole kreist: den bedingungslosen Wunsch nach Anerkennung und die als tiefe Kränkung empfundenen Ablehnungen.

Wo David Finchers Inszenierung von Sorkins Drehbuch zu „The Social Network“ durchaus auch Anspielungen auf coole Gangsterfilme enthielt, die dem Film einen interessanten Subtext verliehen, kreist „Steve Jobs“ im Kern um ein emotionales Drama, in dessen Zentrum Eltern-Kind-Beziehungen stehen. Der
Film fahndet nach dem Verletzlich-Menschlichen hinter dem Egomanen. Und findet es.

Stefan Stiletto
Filmdienst
11.11.2015