"Der erste Blick galt dem Bild, nicht dem Buch."

Ein Bericht von der Verleihung des 20. Troisdorfer Bilderbuchpreises am 21. Juni 2015 auf Burg Wissem

 

Die Fachjournalistin für Kinderliteratur, Antje Ehmann, war für den Borromäusverein vor Ort, schildert Ihre Eindrücke und bringt O-Töne der Autoren mit, doch lesen Sie selbst:

Troisdorf wäre nicht unbedingt eine Reise wert, wenn es nicht dieses ganz besondere Museum geben würde. So besonders, dass es vor einiger Zeit sogar auf einer Grafik in der renommierten Wochenzeitung DIE ZEIT als ein Spezialmuseum auf der Deutschlandkarte eingezeichnet war. Für Menschen, die mit Bilderbüchern zu tun haben, ist es ein absolutes Muss, ein- oder besser noch mehrmals da gewesen zu sein. Nun also eine Einladung zur Preisverleihung. Eine gute Gelegenheit um herausragende Künstler zu treffen, die hinter den Bilderbüchern stehen und fast alle Originale der zahlreichen Einsendungen zu bestaunen, die noch bis zum 6. September im Erdgeschoss des Museums zu sehen sind.

Der Raum in der Remise gleich neben dem Museum ist an diesem Sonntag so gut gefüllt, dass noch weitere Stühle geholt werden und manche sich auf der Treppe platzieren. Musikalisch eingestimmt werden die Zuschauer von Martha Potempa, die "Les champs-Elysées" singt und zum Abschied ein Lied aus dem Musical "König der Löwen" anstimmt.

Der mit insgesamt 7500 Euro dotierte Preis geht in diesem Jahr an Julie Völk für ihr Werk "Das Löwenmädchen" (Gerstenberg). "Die Serafina als Nachwuchspreis zu bekommen war schon eine große Auszeichnung, aber mit diesem Preis bekommt mein Löwenmädchen auch unter gestandenen Illustrator/innen eine besondere Anerkennung", so die Künstlerin. "Es ist schön zu sehen, dass es Menschen gibt, die sich so intensiv mit Bildern und Texten auseinandersetzen und dem Kinderbuch eine solche Wertschätzung entgegenbringen", so Völk weiter.

Die hochkarätig besetzte Jury (Ute Wegmann, Maria Linsmann und Thomas Schmitz) hatte die Qual der Wahl unter den Bewerbungen der rund achtzig Illustrator/innen. So entschieden sie sich in diesem Jahr kurzerhand für zwei zweite Plätze. Stian Holes "Annas Himmel" (Hanser) ist den Leser/innen vermutlich bekannt, weil der vielfach preisgekrönte Norweger in diesem Jahr auch den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis verliehen bekommen hat. Ein Grund dafür, dass der Künstler an diesem Sonntag leider nicht anwesend sein konnte. Dafür nahm Saskia Heintz vom Hanser Verlag die Urkunde entgegen mit den Worten "Er hat mit diesem Werk auch der Lektorin eine Vorstellung von Himmel gegeben, die sie so nicht hatte."
Tatsächlich schon zum vierten Mal unter den Preisträgern in Troisdorf war und ist Peter Schössow, der von Ute Wegmann mit einer umfangreichen Interpretation in ihrer leidenschaftlichen Laudatio für "Der arme Peter" (Hanser) gewürdigt wurde. Der Hamburger Illustrator quittierte die Rede prompt mit einer herzlichen Umarmung.

Auch die zehn Kinder der Kinderjury durften "ihren Preisträger" Torben Kuhlmann hautnah erleben. Der hatte die Nachwuchskritiker/innen mit seiner "klugen und coolen" Maus überzeugt. "Lindbergh. Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus" (NordSüd) steht auch auf der diesjährigen Nominierungsliste des Deutschen Jugendliteraturpreises. "Es freut mich enorm, dass meine Überlegungen zur Struktur und Gestaltung eines Kinderbuches diese Anerkennung der Fachleute in der Buchbranche finden und gleichzeitig so viele Kinderherzen erreichen," so der ebenfalls in Hamburg arbeitende Künstler. Aber die zehn Kinder der Kinderjury lassen nicht nur ihre Herzen entscheiden. Almut Tscheuschner dazu: "Anfang des Jahres treffen sich die Grundschulkinder vier Stunden lang zu einer recht intensiven Zusammenkunft. Die Drittklässler sind alle sehr an Kunst und an Bildern interessiert, und wir machen uns vorher wichtige Aspekte der Bildbetrachtung bewusst. … Wenn Sie dann vorne stehen und die Urkunde sowie ein signiertes Bilderbuch von Herrn Kuhlmann in der Hand haben", so die Museumspädagogin weiter, "sind alle Kinder sehr stolz und sie freuen sich, mit dabei sein zu können."

Nicht zu vergessen: Der in den letzten vier Jahren nicht und erst jetzt wieder vergebene Förderpreis ging an Matthias Ries für seinen Animationsfilm "Trutz, Blanke Hans". "Wir sind offen gegenüber neuen Medien", so Dr. Pauline Liesen, die Leiterin des Bilderbuchmuseums, zu dieser Preisentscheidung. Auch der sehr aufschlussreiche Artikel zum Thema Bilderbuch-Apps von Marlene Zöhrer zeugt von diesem Interesse. Alle, die bei der Preisverleihung nicht mit dabei sein konnten, haben Gelegenheit diesen Text und die Reden im Ausstellungskatalog (15 Euro) nachzulesen. Die faszinierenden Originale von Sonja Bougaeva, Martin Baltscheit, Eva Muggenthaler und Sebastian Meschenmoser - um an dieser Stelle wenigstens einige zu nennen - sind glücklicherweise noch den ganzen Sommer über zu bestaunen.

Antje Ehmann
6. Juli 2015
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Bilderbuchmuseum auf Burg Wissem

Seite von Julie Völk

FAZ Bericht über Stian Holes

Über Annas Himmel lesen Sie in der BiblioTheke 3.15 eine Literatur-Praxis und ein Kurzporträt (S.43)

Über Peter Schössow beim Hanser Verlag

Flieger aus dem Bilderbuchmuseum


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