Zum 75. Geburtstag von Mirjam Pressler

Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen.

Mit diesem Satz, der Titel eines ihrer Bücher ist, begrüßt sie uns auf ihrer in frischem Gelb gehaltenen Website. "Ohne Bücher bleibt die Welt eng, die Möglichkeiten dessen, was man für denkbar und daher auch für machbar hält, begrenzt." Ebenfalls ein Zitat von M. Pressler, das keine ergänzenden Worte braucht.

Mirjam Pressler ist aus der deutschen Kinder- und Literaturszene nicht mehr wegzudenken. Bereits 1994 mit dem Sonderpreis für Übersetzung des Deutschen Kinder-und Jugendliterurpreises ausgezeichnet, gehört sie zudem zu den renommiertesten und gefragtesten Übersetzerinnen niederländischer, englischer und insbesondere hebräischer und jiddischer Literatur.


… nimm deine Kindheit und lauf, eine andere kriegst du nicht


Am 18. Juni 1940 in Darmstadt geboren wächst Pressler als uneheliches Kind einer jüdischen Mutter zunächst in einer Pflegefamilie auf. Diese frühe Kindheitserfahrungen, die Schwierigkeiten unter denen sie aufgewachsen ist, verarbeitet sie in dem Jugendroman „Novemberkatzen“. Auch der mit dem Deutschen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnete Jugendroman „Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen“ ist stark autobiografisch geprägt, erzählt er doch von der etwa 12-jährigen Halinka, die im Nachkriegsdeutschland in einem Heim lebt. Pressler selbst kam mit 11 Jahren in ein Internat. Prägend für ihr späteres Leben sollte hier die Begegnung mit ihrer Lateinlehrerin sein, einer Nonne, die das Interesse für Kunst und Literatur bei dem Mädchen weckte und ihr half, Zugang zu ihrer Identität als Jüdin zu finden.

Wir brauchen viele Bücher, viele, viele, verschiedene Bücher. Viele kleine Gucklöcher in der Wand, die zwischen uns und der oft so unverständlichen Welt steht.


Vor allem in ihren historischen Romanen hat sich Pressler dem Thema Holocaust aus unterschiedlichen Richtungen angenommen. Ob in ihren innovativen Adaptionen (Shylocks Tochter, Golems stiller Bruder oder Nathan und seine Kinder) den unmittelbar zur Zeit des Nationalsozialismus spielenden Romanen (Malka Mai) oder in der Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich in der politisch-gesellschaftlichen Realität der Nachkriegszeit (Zeit der schlafenden Hunde).

Wenn man heute Presslers umfangreiches und bedeutendes kinder- und jugendliterarisches Werk betrachtet, fällt es schwer zu glauben, dass die leidenschaftliche Leserin erst mit 40 Jahren zum Schreiben fand. Ihr literarisches Debüt „Bitterschokolade“ (1980), ausgezeichnet mit dem Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg, gab den Ausschlag sich ganz auf die schriftstellerische Tätigkeit zu konzentrieren. Seitdem hat sie zahlreiche Bücher für Kinder und Jugendliche veröffentlicht, mehr als 300 Titel u.a. von Bart Moeyaert oder Amos Oz ins Deutsche übersetzt und ist mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen geehrt worden.

Bücher können einen Ausblick geben. Keines kann die ganze Welt zeigen.


Mirjam Pressler hat einmal gesagt, dass ihre tägliche Arbeit darin bestehe, mithilfe von Sprache zu versuchen, den inneren Bildern, den Gefühlen und Empfindungen eine Form zu geben, eine Geschichte aus ihnen entstehen zu lassen, eine eigene Realität zu erschaffen.

Wir, ihre Leser können ihr dafür nur danken, und schicken einen herzlichen Geburtstagsgruß nach Landshut!

Die Redaktion
17. Juni 2015

Die kursiven Sätze sind Zitate von Mirjam Presslers Seite.

Ein ausführliches Interview lesen Sie unter Die Welt online.

Einige Informationen und Bilder auch unter Wikipedia


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