Paradiesische Zustände

Interview mit Stefan Moster

Ein Gespräch über finnische Bibliotheken, finnische Literatur und seinen Roman „Die Frau des Botschafters“.

Stefan Moster, 50, dürfte einer der renommiertesten Übersetzer aus dem Finnischen sein. Seit mehr als 10 Jahren wohnt der gebürtige Mainzer mit seiner Familie in Espoo, der zweitgrößten Stadt Finnlands, die direkt an die finnische Hauptstadt Helsinki grenzt. Man kann das neben- und ineinander der beiden Städte, ergänzt noch um Stefan Moster im Februar 2014. Vantaa im Nordosten, vergleichen mit dem fließenden Übergang zwischen den Ruhrgebietsstädten oder zwischen Ludwigshafen, Mannheim und Heidelberg.

Als Schriftsteller veröffentlichte Moster bisher drei Romane: „Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels“, „Liebe sich zwei“ und eben „Die Frau des Botschafters“.

Als ich ihm zu Beginn unseres Gesprächs erkläre, für wen ich arbeite, erzählt er erfreut von seiner KÖB-Vergangenheit. Moster las sich in seiner Kindheit durch die Bestände zweier KÖBs in Mainz, die es aber beide heute nicht mehr gibt, wie er mir nach unserem Gespräch schrieb.


Herr Moster, welchen Stellenwert haben Bibliotheken in Finnland?

Stefan Moster: Bibliotheken gehören zu den wichtigsten Institutionen, die es in Finnland überhaupt gibt. In jeder Gemeinde befindet sich die Bibliothek an einem zentralen Platz, manchmal ist sie sogar das prominenteste Gebäude des Ortes. Die Bibliotheken werden sehr viel genutzt, dienen als Treffpunkte und werden immer mehr als Orte des sozialen Miteinanders angesehen.

Nehmen Sie beispielsweise die Bibliothek in Espoo, die ich am meisten nutze. Sie ist ein Neubau, ungefähr zehn Jahre alt. Dort gibt es z.B. drei Musikzimmer, die man stundenweise mieten kann. Diese Räume sind ständig ausgebucht. In der Abteilung für Jugendliche gibt es Videospielkonsolen, Tischkicker und viel Platz, sodass die Jugendlichen auch einfach nur abhängen können, ohne ein Buch in die Hand nehmen zu müssen. Auch wenn sie kein Buch mitnehmen, lernen sie hier soziales Miteinander und haben einen Ort, an dem sie sich treffen können. Außerdem kommen auch viele Migranten, in der Bibliothek treffen also Finnen und Neufinnen aufeinander.

Es gibt auch einen Trend, Bibliotheken in Einkaufzentren zu integrieren, also dort, wo viele Leute hingehen. Außerdem sind Bibliotheken natürlich für die Literaturszene wichtig, denn sie kaufen auch Titel, die in einem Land mit so überschaubarer Leserschaft sonst nicht so viel gekauft würden.

Allerdings hat Finnland wirtschaftliche Schwierigkeiten, der Staat verfügt dadurch über weniger Geld und muss sparen. Deshalb wird auch bei den Bibliotheken gekürzt, gerade die kleinen Stadtteilbibliotheken sind davon betroffen. Aber im Vergleich zu Deutschland herrschen in Finnland immer noch paradiesische Zustände.


Bibliothek heißt auf Finnisch Kirjasto. Wer sich einen Eindruck von finnischen Bibliotheken machen möchte, kann die Webseiten der Bibliotheken in der Metropolregion Helsinki besuchen (www.helmet.fi) oder sich im Flickr-Account der Bibliothek des Espooer Stadtteils Sello umschauen, die Stefan Moster als Beispiel erwähnt hat. Auch die Bibliothek im Einkaufszentrum „Omena“ ist sehenswert, wie das Titelbild zeigt. Natürlich handelt es sich um Großstadt-Bibliotheken, im Großraum Helsinki wohnen mehr als eine Million Menschen. Doch auch die Bibliotheken auf dem Land sind gut ausgestattet - ein virtueller Besuch gestaltet sich jedoch wegen der Sprachbarriere eher schwierig.

Finnisch ist eine kleine Sprache und noch dazu eine, die nicht mit anderen westeuropäischen Sprachen wie Französisch oder Deutsch verwandt ist. Wie kam es, dass Sie Finnisch studiert haben?

Stefan Moster: Das war reine Willkür. Vor dem Studium bin ich für ein halbes Jahr nach Paris gegangen, um Französisch zu lernen. Dort habe ich eine finnische Familie kennengelernt. Als ich dann zum Studium nach München gegangen bin, habe ich entdeckt, dass man dort Finno-Ugristik [Erklärung bei wikipedia] studieren kann und habe das als Nebenfach belegt.

Ich dachte, hier in Deutschland bin ich mitten in einer Mehrheitskultur und ich wollte wissen, wie es am Rand aussieht und eine ganz andere Sprache lernen. Und das hat sich verselbständigt, über das Literaturinteresse habe ich mich immer intensiver mit dem Finnischen beschäftigt.

Finnisch zu lernen, ist aber doch schwieriger, als z.B. Englisch. Braucht man dazu nicht viel Zeit und eine gehörige Portion Ehrgeiz?

Stefan Moster: Finnisch ist eine Sprache, die am Anfang schwer zu lernen ist und dann immer leichter wird. Mit Englisch ist es genau umgekehrt. Am Anfang ist es leicht, aber wenn man richtig gut Englisch sprechen will, wird es mit der Zeit immer schwieriger. Finnisch zu lernen, war auf jeden Fall anders, als andere Sprachen zu erlernen. Es war unheimlich schwierig, Vokabeln zu lernen. Das ging irgendwie gar nicht. Ich habe schließlich zwei Intensivkurse in Finnland besucht, das hat mir den nötigen Schub gegeben. Inzwischen spreche ich fließend Finnisch und denke auch Finnisch, wenn ich es spreche. Trotzdem kommt es mir vor wie ein Lebensprojekt.

Über dieses „Lebensprojekt“ sind Sie zum Botschafter für finnische Literatur geworden. Was reizt Sie daran?

Stefan Moster: Das hat sich so ergeben. Ich habe angefangen, finnische Bücher zu übersetzen, aber es war schwierig, deutsche Verlage dafür zu finden. Deswegen habe ich vor zwanzig Jahren angefangen, Beziehungen zwischen deutschen und finnischen Verlagen zu knüpfen. Auf diese Weise bin ich zum Berater geworden.

An finnischer Literatur fasziniert mich nichts bestimmtes. Es gibt eher ein paar Spezialitäten, die mit der literarischen Tradition zu tun haben, aber insgesamt ist es gar nicht so einfach, der finnischen Literatur ein bestimmtes Profil zuzuschreiben. Es gibt eher Eigenschaften, die man benennen kann, beispielsweise ist sie nicht so weit weg von der Alltagssprache, sie ist noch jung und hat deswegen keine so starken Konventionen herausgebildet wie die deutsche Literatur. Die finnischen Autoren agieren ziemlich frei, habe ich das Gefühl. Sie sind ziemlich frech in der Anlage ihrer Bücher; sie machen, was sie wollen.

Finnland ist doch Teil Europas und nicht aus der Welt. Wie kam es, dass finnische Literatur bei uns vor einigen Jahren noch so wenig bekannt war?

Stefan Moster: Das hatte mit mangelnder Aktivität auf finnischer Seite zu tun. Die Verlage konnten sich gar nicht vorstellen, dass sich in Deutschland jemand für ihre Bücher interessieren könnte. Selbst in den großen Verlagen gab es niemand, der sich um den Verkauf von Foreign Rights kümmerte. Mittlerweile hat sich das geändert, inzwischen gibt es dafür sogar Agenten.

Ein weitere Grund lag darin, dass es nur wenige und vor allem wenige gute Übersetzer gab. Das ist auch oft ein Problem der kleinen Sprachen, dass die Übersetzer von der Sprachwissenschaft her kommen und nicht von der Literatur.
Auch wenn deutsche Verlage inzwischen finnische Literatur  publizieren, haben die Bücher – mit wenigen Ausnahmen - noch zu wenig Publizität, die Kritik kümmert sich noch nicht genug darum.

Was würden Sie jemandem empfehlen, der aktuelle finnische Literatur lesen wollte?

Stefan Moster: Da müsste ich zuerst diesen Jemand fragen, was ihn so interessiert. Es gibt z.B. ein tolles Buch – ich muss das jetzt so sagen, obwohl ich es übersetzt habe – von Olli Jalonen, das heißt „14 Knoten bis Greenwich“. Ein toller Roman auf hohem Niveau, eine Reise um die Welt. Dann ist im Frühjahr „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ Bibliothek Sello - Treffpunkt für Mädchen erschienen, das Debüt von Selja Ahava. Ein ganz anderes Buch, eine weibliche Biografie besonderer Art [in „14 Knoten“ stehen zwei Männer im Mittelpunkt], bei der man aber auch nichts spezifisch Finnisches findet, obwohl auch die finnische Landschaft eine Rolle spielt. Dann gibt es einen schönen kleinen Roman, der schon letztes Jahr erschienen ist, „Abteil Nr. 6“. Rosa Liksom erzählt darin von einer Zugfahrt von Moskau nach Ulan Bator, bei der sich eine Finnin und ein Russe ein Abteil teilen müssen. Sehr originell. Auch die Bücher von Kjell Westø  kann ich empfehlen, wenn jemand gerne opulente Romane und Familiengeschichten liest. Dann gibt es natürlich auch noch die Bücher von Arto Paasilinna oder Leena Lehtolainen, die sind bekannter, aber wenn Sie es etwas ausgefallener mögen, dann lesen Sie das, was ich gerade genannt habe.

[Die Rezensionen zu den von Stefan Moster genannten Titeln finden Sie auf unserer Medienliste Finnland.]

Wird eigentlich auch deutsche Literatur ins Finnische übersetzt?

Stefan Moster: Ja, im Moment ist einiges greifbar, auch aktuelle Sachen werden ins Finnische übersetzt, sogar meine Bücher. Das ist im Moment recht erfreulich. Auch das Goethe-Institut ist sehr aktiv und unterstützt auch Übersetzungen. Das Institut organisiert auch Lesungen, wenn ein deutsches Buch in Übersetzung erscheint.

Weil Finnland in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, ist Moster als Übersetzer und inoffizieller Literaturbotschafter sehr gefragt. Noch lieber allerdings schreibt er selbst Romane. Sein jüngster, „Die Frau des Botschafters“  spielt in Helsinki und Deutschland im Winter.

Oda, die Frau des deutschen Botschafters in Helsinki, ist fasziniert von der zugefrorenen Ostsee und dem Licht, das durch die Reflexion auf dem Eis entsteht. Geht man auf dem Eis, scheint das Licht auch von unten zu kommen. Als Oda erfährt, dass ihr schwerbehinderter Sohn Felix wahrscheinlich erblinden wird, beschließt sie, ihn aus seinem Heim in Deutschland zu holen und ihm das Licht auf der zugefrorenen Ostsee zu zeigen. Daraus entwickelt sich ein Abenteuer, das ohne ihre Bekanntschaft zu Klaus, einem Finnen, nicht möglich gewesen wäre. Damit sind zwei Fragen angesprochen, die im Hintergrund des Romans präsent sind: Was bedeutet es, gebraucht zu werden – und was bedeutet es, dass man andere braucht?

Oda, die Frau des Botschafters, ein behindertes Kind, ein finnischer Rentner aus einfachen Verhältnissen – das Ensemble Ihres Romans ist sehr ungewöhnlich. Wie sind Sie auf die Kombination Ihrer Figuren gekommen?

Stefan Moster: Das ist nicht so einfach zu sagen. Ich kann das auch nur rekonstruieren, denn so ein Roman entsteht durch verschiedene Impulse, die zusammenkommen und dann Funken schlagen. Es gab ein paar vage Ausgangspunkte. Zum Beispiel wollte ich gerne beschreiben, wie das ist, wenn die Ostsee zugefroren ist und man darauf gehen kann. Das Gefühl, das sich einstellt, wenn das Licht durch die Reflexion auch von unten zu kommen scheint, ist schon sehr speziell. Dann wollte ich gerne eine Hauptfigur entwickeln, die einfach nur an der Seite ihres Mannes steht. Ich habe ziemlich viele Frauen kennengelernt, die wie Oda mit ihrem Mann ins Ausland gegangen sind, Diplomatengattinnen und Frauen von Leuten, die in der Wirtschaft arbeiten. Das sind gebildete, intelligente Frauen mit eigener Ausbildung, aber sie haben in der Regel nichts zu tun, gerade in einem Land wie Finnland, dessen Sprache man nicht auf die Schnelle lernen kann. Mich hat immer interessiert, wie deren Leben ist, wie sie diese Situation kompensieren.

Ich habe dann überlegt, was das für eine Frau ist, was noch zu ihrem Leben gehört. Dabei hat sich mir die Geschichte mit dem Kind im Heim in Deutschland sehr stark aufgedrängt. Anfangs habe ich versucht, das rauszuhalten, aber es war zu stark. Das hat sicher damit zu tun, dass ich meinen Zivildienst Anfang der achtziger Jahre in so einem Heim geleistet habe. Ich war zwar noch sehr jung, aber diese Zeit hat mich sehr geprägt. Außerdem passte die Geschichte sehr gut zu einem der inneren Themen des Romans: Was bedeutet es, dass man gebraucht wird? Was bedeutet es, dass man andere braucht? Was passiert, wenn einem andere helfen und ins eigene Leben eingreifen?

Dieses Thema habe ich im Roman mehrfach gebrochen. Oda geht mit ihrem Mann nach Helsinki und wird als Frau des Botschafters nicht mehr so gebraucht wie vorher, als sie noch Journalistin und Moderatorin war. Und Felix, ihr Kind, das mehrfach behindert ist und in einem Heim leben muss, kann überhaupt nur existieren durch die Hilfe anderer Menschen, aber deswegen verleiht es den anderen Menschen um sich herum einen großen Wert. Klaus wiederum ist ein Gegenentwurf zur Welt der Diplomatie, die so wenig konkret ist. Er ist vom direkten Machen bestimmt, ist Selbstversorger und hat deshalb einen ganz anderen Zugang zum Leben. Das schien mir eine reizvolle Kombination zu sein. Auch darum geht es im Roman: Wenn sich die richtigen Menschen begegnen und sich anfreunden, sind sie plötzlich zu etwas fähig, was ihnen zuvor nicht möglich war.

Stefan Moster: Das heißt natürlich nicht, dass es dadurch automatisch wertvoller wäre. Auf jeden Fall ist es so, dass ihr Leben eine klare Struktur hatte und sie immer gefordert war. „Goldener Käfig“ ist eine problematische Metapher. Schließlich lässt Oda sich auf dieses Leben ein, erstens, weil sie Robert - ihrem Mann - gegenüber loyal ist, aber zweitens auch, weil sie so eine Art Bringschuld spürt, die mit dem Kind zu tun hat. Sie denkt, sie habe bei der Geburt versagt, sei selbst schuld, dass Felix in diesem Zustand ist, schuld daran, dass ihr Mann nicht stolz sein kann auf einen gut entwickelten Sohn. Deshalb glaubt sie, sich für ihren Mann zurücknehmen zu müssen und ihm zu ermöglichen, Botschafter zu sein, als Höhepunkt seines bisherigen Lebens.

Robert ist sein behinderter Sohn ja schon sehr fremd. Gilt das nur für Robert oder spiegelt das wider, wie Sie Männer erleben, die mit so einer Lebenssituation konfrontiert werden?

Stefan Moster: Das ist einerseits Robert, aber ein bisschen auch stellvertretend für andere. Eltern gehen extrem unterschiedlich mit so einer Situation um. Ich habe alles gesehen, von totaler Ablehnung über Verleugnung bis zur Überliebe. Für einen Mann ist es natürlich unheimlich schwierig, die Liebe zu einem solchen Kind wachsen zu lassen, weil die Interaktion so beschränkt ist.

Es ist ganz normal, dass Eltern mit bestimmten Lebenssituationen ihrer Kinder mal mehr, mal weniger anfangen können. Es gibt Väter, die laufen erst zur Hochform auf, wenn ihre Kinder sprechen können oder wenn man mit ihnen etwas unternehmen kann. Bei einem behinderten Kind wie Felix fallen diese Möglichkeiten aus. Das einzige, was möglich ist, ist ein direkter, sehr körperlicher Kontakt. Vielleicht ist das für Oda und für Mütter überhaupt naheliegender, schließlich hat sie das Kind neun Monate in sich getragen. Das ist eine Ursituation die durch nichts zu kompensieren ist.

Väter sind da eher zu Hilflosigkeit verurteilt. Dass es bei solchen Kindern keine oder nur minimale Entwicklung gibt, ist tragisch und manchmal auch nur schwer auszuhalten. Denn das ist ja gerade das schöne bei Kindern, dass sie sich entwickeln und selbständig werden. Dann verändert sich auch die Beziehung, die Eltern werden auf andere Art gebraucht, als Mitspieler beim Fußball und später als Vertraute. Das fällt bei Felix alles weg. Robert macht das emotional ratlos. Ich wollte zeigen, wie schwierig es für ihn ist, zu einer adäquaten Beziehung zu finden.

Kommen wir zu Klaus. Er ist ja nicht nur Finne, er ist ja außerdem Deutschenkind. Ist das ein Thema in Finnland, das einem als Deutschem immer wieder begegnet?

Stefan Moster: Nein, da muss man schon die Augen offen halten. Aber diese Leute, die davon betroffen sind, die also einen deutschen Soldatenvater hatten und eine finnische Mutter, sind gar nicht mal so selten und für die ist das auch ein sehr relevantes Thema. Im Unterschied zu Norwegen ist es in Finnland nicht so emotional aufgeladen. In Norwegen waren die Deutschen damals Feinde. Frauen, die sich mit deutschen Soldaten einließen, galten als Deutschen- oder Nazi-Huren. In Finnland dagegen waren die Deutschen zwischen 1942 und 1944 sogenannte Waffenbrüder. Deshalb gab es keinen Konflikt in der Bevölkerung, wenn ein Deutscher und eine Finnin eine Beziehung eingingen.

Allerdings hatte Generaloberst Dietl, der oberste Befehlshaber in Finnland, den deutschen Soldaten verboten, finnische Frauen zu heiraten, weil sie „rassisches Treibholz“ seien. Ausnahmen gab es nur, wenn Frauen finnlandschwedischer Herkunft waren und vom Aussehen her dem nationalsozialistischen Ideal entsprachen. Weil die Leute nicht heiraten durften, verlobten sie sich. Aber das ist kein rechtswirksamer Status.

Ein Problem wurde daraus, als Finnland 1944 mit der Sowjetunion einen Friedensvertrag abschloss. Zu den Bedingungen dieses Vertrages gehörte, dass die Deutschen vertrieben werden mussten. Das führte zum sog. Lappischen Krieg, durch den die Beziehungen zwischen den deutschen Soldaten und ihren finnischen Verlobten zerrissen wurden.

In Klaus Fall ist es ja offensichtlich so, dass sein Vater gar nicht weiß, dass er ein Kind gezeugt hat.

Stefan Moster: Genau. Ich habe für den Roman keinen konkreten Fall als Vorbild gewählt, sondern mir aus verschiedenen Fällen einen zurecht geschneidert, um niemanden zu nahe zu treten.

Es gibt noch eine vierte Figur in Ihrem Roman, die mich sehr überrascht hat, weil sie nicht gleich als Figur sichtbar wird. Der Erzähler des Romans entpuppt sich als Bibliothekar der deutschen Bibliothek in Helsinki. Wie kamen Sie auf diese Figur?

Stefan Moster: Beim Schreiben stellt sich ja immer die Frage: Wer erzählt warum? Die Erzählperspektive ist wichtig. Ich wollte diese Perspektive für die Handlung nutzbar machen. Das Thema, wie jemand Deutsche Bibliothek in Helsinki (in der 1. Etage) Anteil nimmt am Leben eines anderen, welche Wirkung das hat und wie das für den Anteilnehmenden selbst von Bedeutung wird, dieses Thema sollte auch auf der Ebene des Erzählers realisiert werden. Er versucht, sich herauszuhalten – kann es aber nicht. Die Geschichte zu imaginieren, Wissenslücken zu stopfen, das gehört zu seinen Aufgaben. Außerdem hat er innerhalb der Geschichte auch noch eine Funktion.

Natürlich stellt sich dann die Frage, wer dieser Mensch ist. Da hat mich schon ein bisschen der Teufel geritten, es muss ja jemand sein, der erzählen kann und will, der ein Faible dafür hat. Und zur Deutschen Bibliothek in Helsinki [Link], die es seit 130 Jahren gibt, habe ich ein enges Verhältnis, weil ich im Vorstand des Trägervereins bin. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, über etwas zu schreiben, was ich so gut kenne, aber ich bin auch der einzige, der das tun kann. Das ist dann fast schon wie ein kleiner Imperativ.

Natürlich gibt es keinen Bibliothekar, der dem im Roman gleicht, die Leiterin der Bibliothek ist eine Frau. Die Bibliothek ist von den Fördergeldern her kurz vor dem Austrocknen. Ich habe den Eindruck, dass die einfachen Dinge, die es im Leben gibt und die Menschen gut tun, immer mehr in den Hintergrund geraten, sie sind nichts mehr wert. Ich habe deutsche Botschafter auf sehr abfällige Weise über die Deutsche Bibliothek reden hören, es sei ein verstaubtes Schatzkästchen – die haben keine Ahnung! Sie werten damit eine Institution ab, die mehreren tausend Menschen im Jahr wirklich etwas gibt.

Interview: Christoph Holzapfel
Oktober 2014


Nachbemerkung: Bei der Bildrecherche für diesen Artikel stellte sich heraus, dass die von Stefan Moster erwähnte Leiterin der Deutschen Bibliothek in Helsinki im Literaturbetrieb auch keine Unbekannte ist: Gabriele Schrey-Vasara übersetzt „nebenbei“, wie sie schreibt, u.a. Leena Lehtolainen.