Sein Jahrhundert

Nachruf auf Günter Grass

„Ich bin, ausgetauscht gegen mich, Jahr für Jahr dabeigewesen“. So beginnt die autobiographische Chronik Mein Jahrhundert von Günter Grass. 1999 ist sie erschienen, im Jahr, als Grass den Nobelpreis erhielt, die Krönung seines Werkes, das stets durch unbändiges, fast barockes Twitter-Nachricht des Steidl-Verlages vom 13. April 2015: Günter Grass ist gestorben. Erzähltalent auffiel, ebenso wie durch Mut zum Polarisieren, durch „Zunge zeigen“, wie er selbst sagte. Am Morgen des 13. April 2015 ist Günter Grass mit 87 Jahren in einer Lübecker Klinik gestorben, wie sein Verlag Steidl über Twitter bekannt gab.

 

Günter Grass wurde 1927 in Danzig geboren, in einer Handwerkerfamilie, die ein Kolonialwarengeschäft führte. Zeitlebens fühlte sich Grass als ein „ortlos gebliebenes“ Flüchtlingskind und rang mit seiner katholischen Kindheit. So kam er, aufgewachsen „zwischen / dem Heilgen Geist und Hitlers Bild“, als neunzehnjähriger Soldat in Kriegsgefangenschaft. Was er aber lange Zeit zum Verdruss vieler unter Verschluss gehalten hatte: Zuvor hatte er sich zum Dienst bei der Waffen-SS gemeldet und war angenommen worden. Das „Geständnis“, das er im Sommer 2006 ablegte, auch in einem Kapitel seines autobiographischen Buchs Beim Häuten der Zwiebel, entrüstete, vor allem weil er zuvor nicht gerade sanft mit Trägern von NS-Vergangenheiten umgesprungen war. Niemand solle den ersten Stein werfen, mahnte Walter Kempowski, der – wie auch Joseph Ratzinger – unfreiwillig vor dem Rekrutentisch der SS stand und ‚nein‘ sagte.

Tabubrüche

Von Tabubrüchen war das literarische Schaffen von Grass – und auch sein Selbstverständnis – oft begleitet. Sein Debütroman Die Blechtrommel, 1959 erschienen, nach Steinmetzlehre, Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie und an der Berliner Hochschule für Bildende Künste, sorgte für großes Aufsehen. Einen „Brocken“ in der Nachkriegsliteratur, so nannte Hans Magnus Enzensberger den Roman, der mit gnadenlosem Blick auf die Entstehung des Totalitarismus aus dem Geiste des Kleinbürgertums gerüstet ist. Grass brach mit dem Schweigen über die Hitlerzeit, machte aus dem deutschen Irr- und Sonderweg eine Groteske. Damit hat er Maßstäbe gesetzt. In dem Roman sei zu entdecken, meint Lars Gustafsson, dass „man über Deutschland und Mitteleuropa – sowohl in der Zeit des Völkermordes als auch im Biedermeier der Restauration – mehr weiß als je zuvor“.

Die Blechtrommel, 1979 von Volker Schlöndorff verfilmt, wurde kanonisch und prägte seither die Marke, für die Grass stand: ein fabulierlustiger Erzähler des 20. Jahrhunderts und eine lautstarke, kritische Autorität, die öffentliche Meinungskämpfe nicht scheute und gerne das erste, manchmal auch das letzte Wort hatte. Mehrmals kam er auf die Titelseite des Nachrichtenmagazins Der Spiegel – ein nicht immer schmeichelhaftes, aber sehr seltenes Privileg für einen Künstler [mehr zu Grass bei Spiegel Online]. Dass es ihm mit der Blechtrommel folgenreich gelang, in „munter-schwarzen Farben das vergessene Gesicht der Geschichte“ zu zeichnen, brachte ihm den Nobelpreis ein.

Steine wälzen

Mit seinen Romanen, Novellen, Gedichten und Essays griff Grass, der immer wieder auch seine Zeichnungen publizierte, gerne ins Zeitgeschehen ein. Er forderte Engagement als „Pflichtfach für Schriftsteller“. Er nörgelte als selbsternannter „Schwarzseher der Nation“ an der Politik herum, schrieb einen umstrittenen Deutschlandroman (Ein weites Feld, 1995) und machte auf wunde Punkte in der Erinnerungskultur aufmerksam (wie 2002 mit seiner Vertreibungsgeschichte Im Krebsgang). Aus all dem sprach das Bewusstsein, zur Gründungsgeneration der westdeutschen Nachkriegsliteratur zu gehören, schon als Mitglied der Gruppe 47, deren Preis er 1958 erhielt. Grass wurde zum Sprachrohr einer Generation, die die versäumte Auseinandersetzung mit der faschistischen Vergangenheit nachzuholen hatte.

Grass‘ literarisches Leitbild, sein „einziger Heiliger“, wie er 1999 in Hamburg sagte, war Sisyphos, der „heitere Steinewerfer“ bei Albert Camus, der die Mythen neu erfindet, die Götter lästert und nicht davon ablässt, „gegen Gipfel“ zu kämpfen. Und das mit durchaus globalem Ethos: „Und da die Existenz des Menschengeschlechts auf dem blauen Planeten jüngeren Datums ist und deren Dauer von unserem Tun und Lassen abhängt, sind wir für dessen Zustand verantwortlich. Wir haben ihn weitgehend verunstaltet, treiben Raubbau und hinterlassen unseren Nachkommen eine nicht abzuweisende Erblast. Also gilt es, diese und andere Wahrheiten zu erkennen und zu benennen. Es gilt, Steine zu wälzen.“
 

Was bleibt

Ein großer Autor ist gestorben. Was bleibt, ist weniger ein Denkmal, vielmehr das virtuose Werk eines Schriftstellers, der es verstanden hat, dinglich-dicht zu erzählen, mit knappen szenischen Spannungsbögen und anekdotischen Zuspitzungen. Religiös musikalisch war Grass, der einmal gestand, der Katholizismus habe ihn gefesselt wie ein „rothaariges Mädchen“, auch in einer tiefen Sehnsucht nach Frieden. „Mal sehen, was kommt … Wenn nur nicht Krieg ist wieder … Erst da unten und dann überall“, mit dieser saloppen Warnung endet Grass‘ Chronik seines Jahrhunderts.

Michael Braun

13. April 2015


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Bildnachweis

Header: Blaues Sofa Berlin, 2007 - CC BY 2.0

Twitter-Screenshot von twitter.com/SteidlVerlag am 13.04.2015