„Beugehaft”, „Erpressung”

Scharfe Kritik deutscher Schriftsteller an Amazon

Mit dramatisch klingenden Worten wandten sich weit über tausend deutsche und deutschsprachige Autorinnen und Autoren vor einigen Tagen in einem offenen Brief an Amazon. Von „Erpressung“ der Autoren ist darin die Rede, von „Beugehaft“ und Geiselnahme. Ihr Brief und die Reaktionen darauf sind ein weiteres Kapitel im Streit um Konditionen zwischen der Verlagsgruppe Bonnier (u.a. Carlsen, Piper, Ullstein, Thienemann) und dem Onlinekaufhaus Amazon.

von Christoph Holzapfel

(Stand: 29.08.2014)

Update 22.09.2014: spiegel.de meldet, Amazon lenke im Streit mit den Verlagen um E-Book-Konditionen ein. - weiterlesen auf spiegel.de

Inge Löhnig ist eine der Unterzeichnerinnen des Briefes. Monatelang waren ihre Krimis um Kommissar Konstantin Dühnfort (aktuell „Deiner Seele Grab“) aus den Amazon-Empfehlungen „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch“ verschwunden.

Außerdem werden ihre Bücher von Amazon z.T. nur verzögert ausgeliefert. Für ihren aktuellen Krimi „Deiner Seele Grab“ nannte das Unternehmen zeitweilig 5 bis 10 Tage Lieferzeit. Löhnig ist kein Einzelfall, betroffen sind alle Autorinnen und Autoren der Verlagsgruppe Bonnier (u.a. Carlsen, Piper, Ullstein, Thienemann), Gisa Klönne und Nele Neuhaus z.B., selbst internationale Bestsellerautoren wie Jo Nesbø. Inzwischen (29.08.2014) scheinen die aktuellen Titel wieder „sofort” lieferbar zu sein, für die älteren Titel der Backlist nennt Amazon immer noch ungewöhnlich lange Lieferfristen.

Empörung und Ärger schwingen in Löhnigs Stimme mit, wenn sie über die Vorgänge spricht. Kein Wunder, weiß sie doch die Dienste von Amazon sehr wohl zu schätzen. Sie betont, dass sie und ihre Kollegen nicht gegen Amazon seien. „Wir schätzen das Unternehmen. Nehmen Sie die Backlist. Die ist bei Amazon immer sichtbar, das kann ein normaler Buchhändler nicht leisten.“ Für Autorinnen und Autoren sei gerade diese Art der Sichtbarkeit wichtig, vor allem für die weniger bekannten unter ihnen, deren Bücher über die Empfehlungslisten und Suchergebnisse bekannter würden, weil Kunden beim Stöbern auf diese Titel stoßen. Und genau deshalb sind Amazons Maßnahmen für Inge Löhnig und ihre Kolleginnen und Kollegen so dramatisch. Es muss ihnen vorkommen, als wären sie aus dem Schaufenster in eine dunkle Ecke weit hinten im Laden verbannt worden.

Streit um E-Book-Einkaufspreis


Hintergrund für die verlängerten Lieferzeiten und die Manipulation der Empfehlungslisten ist ein Streit zwischen Amazon und Bonnier um Konditionen beim Einkauf von E-Books. Weil es offenbar über Monate hinweg zu keiner Einigung kam, nahm Amazon die Bücher der Bonnier-Verlage aus dem Lager, um den Druck in den Verhandlungen zu erhöhen.

Die langen Lieferzeiten, die Inge Löhnig und ihre Kolleginnen und Kollegen so ärgern, entstehen dadurch, dass Amazon einen Titel erst dann beim Verlag bestellt, wenn ein Kunde ihn in den Warenkorb legt – und das bei einem Unternehmen, das sich selbst als „kundenzentriertestes Unternehmen der Welt“ (Amazon über Amazon) sieht. Zu dem Vorwurf, die Empfehlungslisten zu manipulieren, äußerte sich Amazon bisher nicht. Allerdings wurde diese Manipulation vor einigen Tagen augenscheinlich zurückgenommen (s.u.).

Die Vorgänge bei Amazon waren der Grund für Inge Löhnig und viele andere Autorinnen und Autoren, einen offenen Brief an Amazon-Gründer Jeff Bezos zu unterschreiben (Text hier: www.fairer-buchmarkt.de). Initiiert wurde dieses Schreiben u.a. vom SYNDIKAT, der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalautoren, und dem PEN-Zentrum Deutschland. Sie werfen Amazon vor, die Bücher der Bonnier-Verlage „als Geiseln“ zu nehmen, um die Verlagsgruppe zu besseren Konditionen im E-Book-Geschäft zu zwingen. Weiter heißt es dem Brief:

„Wir Autorinnen und Autoren sind der Meinung, dass kein Buchverkäufer den Verkauf von Büchern behindern oder gar Kunden vom Kauf von Büchern abhalten sollte. Amazon hat kein Recht, eine Autorengruppe, die am Konflikt nicht beteiligt ist, ‚in Beugehaft‘ zu nehmen. Obendrein sollte kein Buchverkäufer seine eigenen Kunden falsch informieren oder ihre Einkäufe durch künstlich verlängerte Lieferzeiten behindern. Damit widerspricht Amazon seinem eigenen Versprechen, das kundenorientierteste Kaufhaus der Welt zu sein.“

„Nur ein fairer Buchmarkt ist ein Buchmarkt mit Zukunft.“


In einer Pressemitteilung zu ihrem Brief (vom 18. August) heißt es außerdem, Amazon versuche, überdurchschnittliche Gewinnmargen in ihrer E-Book-Sparte durchzusetzen, um seine Monopolstellung auszubauen. Und weiter:

„Sollte das gelingen, werden die Umsatzeinbußen sowohl bei Verlagen, in erster Linie aber bei den Autoren deutlich zu spüren sein. Langfristig ist damit die Vielfalt der Inhalte auf dem Buchmarkt gefährdet.“

Mit ihrem offenen Brief schließen sich die Autoren einer Initiative aus den USA an, die sich gegen Amazons Geschäftsgebaren gegenüber dem Verlagsriesen Hachette richtet. Amazon versucht bei Hachette mit den gleichen Mitteln günstigere Einkaufskonditionen durchzusetzen [Bericht auf spiegel.de].

Inzwischen (Stand 28.08.2014) haben mehr als 1700 deutschsprachige Autorinnen und Autoren den Brief unterzeichnet. Sie wollen, betonen sie, im Streit zwischen Amazon und Bonnier nicht Partei ergreifen, sondern fordern Amazon auf, die Maßnahmen gegen Autoren und Verlage zurückzunehmen und „eine lebendige, ehrliche Buchkultur zu gewährleisten“. Nur ein fairer Buchmarkt sei ein Buchmarkt mit Zukunft. Die Leserinnen und Leser fordern sie auf, Amazon-Gründer Jeff Bezos und seinem Deutschland-Chef Ralf Kleber per E-Mail die Meinung zu sagen.

Die Ausgrenzung aus der Empfehlungsliste scheint seit Freitag, 22.8. vorbei zu sein. „Amazon hat den Spuk beendet“, schreibt Löhnig auf Facebook. „Unser Protest zeigt Wirkung.“ Ihre Bücher und die anderer Kolleginnen und Kollegen tauchen wieder in den Kundenempfehlungen auf. Allerdings seien die Lieferzeiten nach wie vor zu lang.

 

Auslistung ein ganz normaler Vorgang?


In einer Stellungnahme von Amazon zum offenen Brief und zum Streit mit Bonnier heißt es:

„Bonnier bietet uns die Mehrheit seiner Titel zu Konditionen an, die es für uns wesentlich teurer machen, eine digitale Ausgabe als die gedruckte Ausgabe desselben Titels einzukaufen.“

E-Books verursachten keine Druckkosten, argumentiert das Unternehmen, benötigten keine Lagerhaltung, keinen Transport und es gebe keine Retouren. Deshalb sollten E-Books deutlich günstiger als gedruckte Bücher angeboten werden, fordert Amazon. Was genau Amazon unter „günstiger“ versteht, sagt das Unternehmen nicht offiziell, in der Branche ist aber zu hören, dass das Taschenbuchniveau von unter zehn Euro angestrebt wird.

Wie aus Unternehmenskreisen zu hören ist, hält Amazon die Auslistung der Bonnier-Titel für einen ganz normalen Vorgang, wenn Händler und Lieferant sich nicht über Konditionen einigen könnten. Da jedoch jede noch so kleine Buchhandlung Bestellungen über Nacht über den Großhandel abwickeln kann, geht die Lieferverzögerung jedoch deutlich über das der Logistik geschuldete Maß hinaus.

Bonnier äußert sich nicht öffentlich zu dem Streit, ist aber ganz offensichtlich nicht bereit, auf die Amazon-Forderung nach höheren Rabatten einzugehen. Was daran liegen dürfte, dass Verlage nicht einzelne Ausgabearten (E-Book, Hardcover, Taschenbuch usw.) kalkulieren, sondern darauf angewiesen sind, mit den Erlösen eines Bestsellers in egal welcher Ausgabeart die weniger starken, aber literarisch bedeutsamen Titel mitzufinanzieren. Nur so ist das breite Spektrum von Titeln möglich, das die deutschen Verlage anbieten, auch abseits vom Mainstream.

Alternative Selfpublishing?


Während Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) den Protest der Autorinnen und Autoren unterstützt („Marktmacht und die Herrschaft über zentrale Vertriebswege dürfen nicht dazu führen, dass unsere kulturelle Vielfalt gefährdet wird“, wird sie auf Spiegel Online zitiert), wird von anderer Seite auch Kritik laut. In einem Beitrag für sueddeutsche.de kritisiert Stefan Weidner, Publizist und Islamwissenschaftler, die Reformunwilligkeit des deutschen Buchmarktes. Es reiche nicht, „auch“ E-Books anzubieten, meint er, vielmehr müssten die Verlage sich diesen Markt aggressiv erobern und eine echte Alternative zu Amazon bieten, um den Strukturwandel zu überleben. Ein Buch zu machen, sei keine „Lust“ mehr. „Es ist ein Wenn und Aber, ein Zögern und Zaudern, ein Weder-Noch.“ Lektoren würden Manuskripte zerreden und Autoren, die eine bestimmte Auflage nicht erreichten, müssten sich, einen anderen Verlag suchen. Für Weidner ist daher Selfpublishing von E-Books eine attraktive Alternative. Bekomme ein Autor bei einem Verlag maximal zehn Prozent vom Ladenpreis, dürfe man als E-Book-Autor zwischen 30 und 50 Prozent, bei Amazon zurzeit sogar 70 Prozent erwarten. Andere Selfpublishing-Autoren stoßen in das gleiche Horn.

Wenn Selfpublishing so toll ist, warum machen das dann nicht alle Autoren so? Inge Löhnig muss nicht lange überlegen, als ich sie frage, warum sie ihre Bücher nicht selbst als E-Book vertreibt. „Ich will Romane schreiben, nicht Verlegerin sein.“ E-Books hätten einen Marktanteil von 15 Prozent, warum sollte sie denn 85 Prozent des Marktes außen vor lassen? Auch wenn der Anteil für die Autoren gerne größer sein dürfte, sagt sie, leisteten die Verlage gute Arbeit, mit der sie sich gar nicht belasten wolle, sorgten für Lektorat, Marketing und das Coverdesign.

Buchmarkt im Umbruch


An der Auseinandersetzung zwischen Amazon und Bonnier, deren jüngstes Kapitel deutschsprachige Autorinnen und Autoren mit ihrem offenen Brief aufgeschlagen haben, lässt sich ablesen, wie sehr der Buchmarkt im Umbruch ist. Digitalisierung, Vernetzung und Konkurrenzkampf lassen keinen Stein auf dem anderen. Es geht um viel Geld, um Macht, um die Rolle der Verlage ebenso wie um die der Buchhändler und – nicht zuletzt – die der Bibliotheken. Amazon verleiht E-Books heute schon an seine Prime-Kunden und es besteht kein Zweifel, dass dieses Angebot ausgeweitet wird, wenn das Unternehmen sich davon Profit oder auch nur größeren Einfluss verspricht. Wozu braucht es dann noch Bibliotheken, die nur ein eingeschränktes Angebot an E-Books anbieten (können)?

Als Rezensent/in, Büchereimitarbeiter/in oder Leser/in mag man sich unfreiwillig zum Zuschauer dieses Spektakels verdammt fühlen. Doch tatsächlich sind wir alle Teil dieses Strukturwandels. E-Reader, Smartphones und Tablets, auf denen sich Zeitungen genauso lesen lassen wie Bücher (und mit denen man selbstverständlich noch eine Menge mehr machen kann), finden immer größere Verbreitung. Da Online Bücher, Zeitschriften, Texte jeder Art rund um die Uhr und vor allem sofort verfügbar sind – oder diese Verfügbarkeit zumindest suggerieren, entsteht eine Erwartungshaltung, die auf alle anderen Bereiche des Konsums übertragen wird. Warum soll ich warten, bis (m)eine Buchhandlung ein Buch bestellt und geliefert hat, wenn ich die E-Book-Ausgabe innerhalb kürzester Zeit auf mein Smartphone oder in meinen E-Reader laden kann?

Der Strukturwandel des Buchmarktes wird nicht zum Untergang des Abendlandes führen. Es ist daher nicht sinnvoll, Amazon zu verteufeln und den Untergang der Buchkultur zu beklagen, bloß weil Amazon wie etliche andere große Ketten Bücher als Handelsware behandeln und auf ihren Profit schauen.

Bislang hat der Medienwandel nicht dazu geführt, dass Medien verschwunden sind. Kino und Fernsehen haben nicht das Buch verdrängt, auch Internet, PC- und Konsolenspiele haben nicht dazu geführt, dass andere Kulturtechniken ausgestorben sind. Allerdings haben sich die Marktanteile verschoben. So wird es auch mit E-Books sein. Was fehlt ist eine schlüssige Antwort der Beteiligten am Buchmarkt. Amazon ist hier den meisten gleich mehrere Schritte voraus, denn das Onlinekaufhaus hat besser als alle Mitbewerber verstanden, was Kunden von einem Unternehmen erwarten. Wer Amazons scheinbar unaufhaltsame Entwicklung zu einem (beinahe) Monopolisten auf dem Buchmarkt – in Deutschland und weltweit – stoppen will, muss hier ansetzen.

Bildnachweis

Headerbild: Innenansicht des Amazon-Logistikzentrums Leipzig (Ausschnitt), © Amazon.de

Inge Löhnig: Foto: Frank Bauer

Mann mit Handy: © Adam Radosavljevic - Fotolia.com