60 Jahre Deutscher Jugendliteraturpreis 1956 - 2016

Immer aktuell und von literarischer Relevanz

Antje Ehmann

1955 wurde der einzige deutsche Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur vom Bundesministerium des Inneren gestiftet und dann 1956 in Mannheim erstmalig vom damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss verliehen. 2016 ist das Jubiläumsjahr dieses Preises, der herausragende Kinder- und Jugendliteratur auszeichnet und das wird gebührend mit etlichen Veranstaltungen, einer Publikation und vielen anderen Aktionen gefeiert. Am 21. November findet ein Fachtag in der Katholischen Akademie Hamburg für Vermittler der Kinder- und Jugendliteratur statt und am 8. Dezember ein internationaler Autorenabend u.a. mit Rose Lagercrantz in der Internationalen Jugendbibliothek in München.

Ausrichter und für die Organisation verantwortlich ist der Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V. in München. Der Dachverband hat rund 50 Mitgliedsverbände, vier Ehrenmitglieder und rund 200 Einzelpersonen, die sich dort engagieren. Stifter des mit insgesamt 62.000 Euro dotierten Preises ist das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.  Die Geschäftsführerin Doris Breitmoser erinnert sich: "Das allererste Mal ist mir der Preis als Kind Mitte der 70ziger Jahre begegnet. Auf dem Titel meiner heißgeliebten Raupe Nimmersatt war die goldene Plakette mit der Aufschrift "Bestliste Deutscher Jugendbuchpreis", wie er bis 1981 hieß, eingedruckt. Den Schriftzug konnte ich gerade so entziffern, mir aber kaum etwas darunter vorstellen. Aber: Ich mochte das Bilderbuch so gerne, dass mir eine `Goldmedaille` durchaus angebracht schien!"


Wegmarke auf dem Werdegang als Künstler

Eine Kritikerjury arbeitet sich alljährlich durch die Neuerscheinungen deutschsprachiger Verlage und trifft sich dreimal zu Jurysitzungen in München. Die Jurymitglieder arbeiten ehrenamtlich und können bis zu vier Jahren mit dabei sein. In Leipzig wird seit 1996 traditionell die Nominierungsliste bekanntgegeben. Im Herbst auf der Frankfurter Buchmesse werden dann die Preisbücher des Vorjahres in der Sparte Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch verkündet und gefeiert. Die Jugendjury, die aus sechs über die Bundesrepublik verteilten Leseclubs zusammengesetzt ist, prämiert seit 2003 zusätzlich ein Buch. Interessanterweise unterscheiden sich die prämierten Titel oft. Es gibt aber auch immer wieder Dopplungen mit der Kritikerjury - so wie in diesem Jahr Erna Sassen mit "Das hier ist kein Tagebuch" (Freies Geistesleben). Der Sonderpreis für ein herausragendes Gesamtwerk (jeweils im Wechsel Autor, Illustrator, Übersetzer) wird seit 1991 verliehen. Neu dazu gekommen ist ab 2017 der Sonderpreis "Neue Talente".

Für die alljährlichen Preisträger ist der Deutsche Jugendliteraturpreis oftmals eine wichtige Wegmarke auf ihrem Werdegang als Künstler. Peter Sis stand mit vielen seiner herausragenden Werke auf den Nominierungslisten und er hat im letzten Jahr mit "Der Träumer" von Pam Munos Ryan in der Sparte Kinderbuch gewonnen: "Ich bin in Prag mit vielen deutschsprachigen Bilderbüchern aufgewachsen und diese hatten einen großen Einfluss auf meine Vorstellung, was Bilderbuchkunst sein kann. So bedeutet mir auch der Deutsche Jugendliteraturpreis sehr viel, und als ich ihn dann tatsächlich bekam, wurde ein Traum für mich wahr. Beide Momos - für "Tibet - Das Geheimnis der roten Schachtel" und für "Der Träumer" waren eine Überraschung für mich und gleichzeitig eine großartige Bestätigung meiner Buchkunst."


Ein unabhängiges Gütesiegel

Buchpremiere von "Was ist los vor meiner Tür?" war am 13. September im Literaturhaus Rostock mit Bundesministerin Manuela Schwesig und zwei Schulklassen. Für sie ist der DJLP "ein unabhängiges Gütesiegel für herausragende Kinder- und Jugendbücher", so ist ein in der Nominierungsbroschüre zu lesen.

Stephanie Jentgens ist die Herausgeberin der Jubiläumsanthologie. Sie wollte gemeinsam mit dem AKJ eine Publikation gestalten, die über die Fachöffentlichkeit hinaus wirken kann. "Spannend war, wie unterschiedlich die Autoren die Frage "Was ist los vor meiner Tür?" auslegten. Susan Kreller lässt uns hinter die Türen eines Altersheims blicken, Toon Tellegen erzählt von Figuren, die immer auf Besuch warten und mehrere greifen die aktuelle Frage auf, wie wir mit Flüchtlingen umgehen. Für die Illustrationen konnten wir Aljoscha Blau gewinnen. Er überschreitet in seinem künstlerischen Werk immer wieder Grenzen zwischen unterschiedlichen Kulturkreisen, zwischen Realem und Surrealem. Darüberhinaus hat er viel Erfahrung mit der Gestaltung von Anthologien und hat schon mit einigen Autoren, so z.B. Martin Baltscheit, Jutta Richter und Peter Härtling zusammengearbeitet", erklärt Jentgens. Zeitgleich erscheint eine gleichnamige CD, unter der Regie des renommierten Franz Gustavus: "Die Qualität der Texte war sehr hoch und meine Lieblingsgeschichte ist die letzte Geschichte in der Anthologie: Susan Kreller "Hundert"."

Anlässlich des Jubiläums werden auch etliche Titel wieder neu aufgelegt bzw. erscheinen in anderen Ausgaben. Das erste Preisbuch 1956  "Der Glückliche Löwe" von Louise Fatio und Roger Duvoisin erscheint endlich als Taschenbuchsammelband bei Carlsen. Dort erscheinen noch acht weitere, mit dem DJLP in der Sparte Bilderbuch ausgezeichnete Bilderbücher, wie etwa "Du hast angefangen! Nein, Du!" von David McKee verkleinert im Pixi-Buch Format. Acht Bilderbuchpreisträger, die so einen neuen Auftritt im Kleinformat haben. Toll als Geschenk und eine günstige Gelegenheit, diese Bücher wiederzuentdecken.


Neuer Auftritt im Kleinformat

Karin Hogrebe dazu: "Die Idee dazu entstand, so wie oftmals gute Ideen entstehen, im Gepräch. In diesem Falle zwischen Lektorats- und Pressekolleginnen über Bücher, Bilder, das Leben und was man dazu, damit und daraus Schönes machen kann." Das Jugendbuch "Was wäre wenn" von Meg Rosoff erscheint als Taschenbuch bei Fischer und das Bilderbuchpreisbuch 1974 von Jörg Müller  "Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder Die Veränderung der Landschaft" bei Sauerländer. Ulrike Metzger und Bettina Herre vom Fischer Kinder- und Jugendbuchverlag dazu: "Das Thema Umweltzerstörung und Versiegelung der Landschaft ist auch nach 40 Jahren aktueller denn je. Grund genug, die die für die Bilderbuchwelt sowohl thematisch wie auch ästhetisch bahnbrechende Bildermappe wieder zu veröffentlichen."

Die Fachzeitschrift kjl&m hat dem Jubiläum eigens eine komplette und überaus lesenswerte Ausgabe gewidmet. Herausgeberin Caroline Roeder dazu: "Der Deutsche Jugendliteraturpreis stellt eine der gewichtigsten Institutionen im deutschsprachigen Literatursystem dar, so lässt sich beispielsweise die Geschichte der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur an der Preisgeschichte ablesen." Und weiter: "Für mich gilt nach wie vor: Der DJLP ist eine wahre Schatzkiste. Seine Kritiker/innen dürfen sich mit interessanten und innovativen Titeln herumschlagen, seine Leser/innen in die weite Welt internationaler Literaturen hinauslesen und die Wissenschaftler/innen sich an seinen neuen Universen erproben."


Zukunftswunsch

Jetzt kann man gespannt sein auf die Preisverleihung, die wie in jedem Jahr am Buchmessenfreitag im Saal Harmonie, Congress Center in Frankfurt stattfindet. Mit mehr als 1200 Gästen das größte Ereignis für alle, die mit Kinder- und Jugendliteratur zu tun haben.


Wünsche für die Zukunft äußert Doris Breitmoser: "Ich wünsche dem Preis, das er weiterhin so unabhängig und unkorrumpierbar die besten Bücher aus der jeweiligen Jahresproduktion herausdestilliert. Dazu braucht er auch in Zukunft couragierte Jurorinnen und Juroren, die sich  - ehrenamtlich! - durch das enorme Lesepensum arbeiten und dabei die Orientierung nicht verlieren. Und er braucht Partner, Unterstützer und Verbündete, um die ausgezeichneten Bücher ins Gespräch und zu ihren Leserinnen und Lesern zu bringen."

In diesem Sinne - achten Sie doch in Zukunft noch mehr auf die nominierten und ausgezeichneten Kinder- und Jugendbücher des DJLP. Im Archiv sind alle zu finden. Es lohnt sich!


Antje Ehmann
Oktober 2016
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