"Wenn Du bei mir bist, hört das Herzklopfen auf."

Alt sein und krank sein im Kinderbuch

Kinderbücher können ein willkommener Dialogansatz sein, wenn es um schwierige Themen geht. Nach dem gemeinsamen Vorlesen können  Eltern mit ihren Kindern darüber reden, was es für jeden einzelnen der Familie bedeutet, dass Opa dement ist oder Oma im Krankenhaus liegt. Guus Kuijer "Ein himmlischer Platz", Martin Baltscheit "Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verloren hat" oder "Als Oma seltsam wurde" von Ulf Nilsson sind moderne Klassiker und unverzichtbar. Aber es gibt zudem noch einige interessante Neuerscheinungen. Antje Ehmann hat sich für Sie umgeschaut:


Das Motto für den Welt-Alzheimertag und die Woche der Demenz 2016 in Deutschland lautet "Jung und Alt bewegt Demenz"

Welt-Alzheimertag, am 21. September 2016

Alzheimer-Gesellschaften und Selbsthilfegruppen organisieren jedes Jahr eine Reihe von regionalen Veranstaltungen. Aktionsseite weiterlesen

Woche der Demenz, 19. bis 25. September 2016

Die nationale Allianz für Menschen mit Demenz will das Verständnis und die Unterstützung für Betroffene und pflegende Angehörige fördern. Aktionsseite mit Plakaten zum Download weiterlesen

Hinweis: Der Borromäusverein stellt das Thema im Magazion BiblioTheke, Ausgabe 4.2016 Schwerpunkt Vergiss mein nicht, in den Mittelpunkt. Weitere Artikel stehen online, ergänzt um eine Auswahl von Linktipps. zur Seite

Ulrike Fink, Redaktion


"Auf dem Cover versuche ich mein Gefühl darzustellen, das ich als kleine Kind immer hatte. Ich musste mein Kinn heben um hoch in sein Gesicht zu schauen, das unzählige Falten hatte - fast wie ein Baum seine Jahresringe," so erzählt Catarina Sobral zu ihrem Bilderbuch "Mein Opa", das in den Farben grün und rot wie ein Holzschnitt wirkt. Nach "Aschimpa das geheimnisvolle Wort" widmet sich die portugiesische Autorin und Illustratorin nun dem Leben und der Zeit, wie sie verrinnt.

Hauptfigur ist ein besonders agiler und lebenslustiger alter Herr. Er arbeitet im Garten, schreibt alberne Liebesbriefe oder macht Pilates. Erzählt wird aus der Sicht seines Enkelkindes, das seinen Opa über alles liebt. "Wenn ich mit meinem Opa zusammen bin, vergeht die Zeit wie im Flug," sagt er an einer Stelle. Das Thema Zeit ist der eigentliche Kern dieser Geschichte. "Ich wollte darüber schreiben, wie wir unser Leben verbringen - mit herumrennen und dem Verschwenden von kostbaren Stunden."


Wie kostbar diese Lebenszeit ist, merkt man spätestens dann, wenn man krank wird oder sogar ins Krankenhaus muss. "Der Friedel ist krank, schwätzen die Leute. Demenz heißt das, sagt Mama." - so kann man in "Auf meinem Rücken wächst ein Garten" von Birgit Unterholzner und Leonora Leitl lesen. "Kinderbücher dürfen schön und unbefangen sein, sie sollten Leichtigkeit und Humor haben. So kann ich es wagen, schwierige Themen wie Demenz, Alter und Tod anzusprechen," so die Autorin. In der Tat gelingt ihr das hervorragend.

Lustig lesen sich die Listen, mit Dingen, die fröhlich machen und Friedel kann trotz der Krankheit noch tolle Sachen mit seinem Opa machen. "Eine Freundin erzählte mir von der Demenzerkrankung ihres Vaters. Ich habe ihre Hilflosigkeit gespürt, ihren Schmerz und ihre stille Wut. Dann dachte ich mir, diese Thematik muss für Kinder erzählt werden," so Unterholzner weiter. Wundervoll, wie die Illustratorin dieses Thema feinfühlig und einfallsreich in ihren zarten Collagen umsetzt.

Tipp: Gemeinsam mit der Puppenspielerin Eva Sotriffer bietet die Autorin auch szenische Lesungen an: „Die szenische Bilderbuchlesung >Auf meinem Rücken wächst ein Garten< bieten wir auf Anfrage auch in Kindergärten, Schulen und Bibliotheken an.“ zur Seite


Ein Zusammenspiel mit klassischer Musik von Sergej Prokofjew und Georges Bizet bietet das Kinderbuch von Andreas Steinhöfel. "Wenn mein Mond deine Sonne wäre". Es bildet gemeinsam mit der CD, auf der die Geschichte vom Autor selbst gelesen wird und das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg zu hören ist, und den herausragenden Illustrationen von Nele Palmtag geradezu ein Gesamtkunstwerk.

"Mich hat an dem Thema Demenz interessiert, was mit den Angehörigen passiert. Was ist mit dem Kind?," so Andreas Steinhöfel. Er hat monatelang die Musik der beiden Komponisten gehört und dann ein Geschichte dazu geschrieben.

Der neunjährige Max hat einen dementen Großvater, der am anderen Ende der Stadt in einem Wohnheim lebt. Der Junge hat einen Plan: gemeinsam abhauen und den Tag mit seinem geliebten Opa genießen. Auf geht es zu einem Ort voller schöner Erinnerungen, zur Sommerwiese, Bushaltestelle Blumental.

Tipp: Ein interessantes Werkstattgespräch gibt es dazu, mit Andreas Steihöfel und Nele Palmtag. zur Seite


Ebenfalls ein Meister seines Faches und Illustrator der Rico-Bände von Andreas Steinhöfel ist der Hamburger Künstler Peter Schössow. Mit "Wo ist Oma? Zu Besuch im Krankenhaus", das Ende September 2016 erscheint, schaut er auch aus dem Blickwinkel des kleinen Kindes auf dieses große und verwirrende Haus.

Mit einem Blumenstrauß in der Hand steht der Junge vor dem verglasten Gebäude der Omega-Klinik und als seine Babysitterin Gülsa zu lange telefoniert, geht er einfach los und lernt auf seiner Odyssee nach seiner kranken Oma so ziemlich alles und jeden kennen, was sich in einem Krankenhaus verbirgt. Kauzige Patienten, strenge Krankenschwestern, erschöpfte Ärzte, bis hin zur dementen Frau Hofer, die er im Aufzug trifft.

Mit Humor und Biss schildert Schössow in gehaltvollen Dialogen und auf seinen präzisen und detailreichen Illustrationen diese Welt für sich, in der sich alle aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit Krankheit und Tod auseinander-setzen müssen.


Die Oma des Jungen hat sich zum Glück nur den Arm gebrochen. Die Oma von Pia dagegen muss mit ihrer Demenz leben und sich damit abfinden, dass "Die Wörter fliegen" - so lautet der Titel des Bilderbuches von Jutta Treiber und Nanna Prieler. Eine ungewöhnlich lange erzählte Zeit haben wir hier vor uns.

Enkelin Pia und ihre Oma sind zusammen, seit sie ein kleines Kind ist. Zuerst bringt ihr Oma die Sprache näher - "Die Wörter fliegen. Von Oma zu Pia.", und dann wird Oma achtzig, Pia ist erwachsen und "Die Wörter fliegen. Von Oma weg."

Diesen Kreislauf des Lebens veranschaulichen die beiden Künstlerinnen  auf behutsame, leise und poetische Art und Weise. "Der Text hat mich bereits beim ersten Lesen sehr berührt und inspiriert. Vielleicht auch weil mein eigener Opa an Alzheimer erkrankt war," erinnert sich Prieler. " Die zarten Farben und die Traurigkeit der Figuren kamen vermutlich auch aus diesem Grund wie von selbst," so die Wiener Künstlerin weiter.


Sehr bunt, prächtig und farbenfroh dagegen geht es bei Benji Davies und auf "Opas Insel" zu. Ein Bilderbuch, das das Leben feiert und die ideale Opa-Enkel Beziehung zeigt. "Für mich repräsentiert diese Figur eine Art von Großvater, die wir uns alle wünschen: sehr warmherzig, freundlich und liebevoll", so der englische Illustrator. Hier geht es nun nicht um Krankheit, sondern um den Tod.


Sam entdeckt auf dem Dachboden seines Opas eine Metalltür. Er öffnet sie und gelangt an Bord eines großen Schiffes. Gemeinsam reisen die beiden an einem Ort der Vollkommenheit. Hier möchte der alte Mann bleiben, der ein schönes Leben gehabt hat und mit sich im Reinen ist.


"Mir ging es diesmal darum zu zeigen, dass der Tod nach einem gut gelebten Leben nicht erschreckend und traurig sein muss," sagt Davies. Sam trauert tapfer und kehrt alleine nach Hause zurück, nicht ohne noch einen Gruß von seinem Opa zu erhalten.

Antje Ehmann
September 2016
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