Buchstaben, Worte, Sätze, Bücher

Bücher erzählen über Bücher

Wie sieht es aus, wenn sich Kinderbücher um das drehen, was sie ausmacht, wenn Buchstaben, Illustrationen oder das Schreiben an sich zu Themen in den Geschichten werden? Wenn aus ABC-Fotos Kinderbücher werden, ein Buch voll von Schreibaufgaben, Ideen und Inspiration entsteht, ein textloses Bilderbuch, ein Buch zum Wörterträumen, ein Buch über wie so ein Buch eigentlich entsteht, zum Lesen einlädt, wenn über den Diebstahl geistigen Eigentums und über „gemeinsam das Geheimnis der Sprache entdecken“ geschrieben wird, dann sind Sie bei diesen Titeln angekommen. Antje Ehmann hat sich für den Borromäusverein umgeschaut und interessante Neuerscheinungen für Sie zusammengestellt:

Joke van Leeuwen widmet sich in "Das tolle ABC-Buch - Bilder, Geschichten & Gedichte" den Buchstaben auf ganz unterschiedliche, ideenreiche und sehr unterhaltsame Art. "In Den Haag und in Antwerpen hatte ich den Auftrag, zwei Ausstellungen zu ABC-Büchern zu konzipieren. In diesem Zusammenhang habe ich in Belgien, Indien, Südafrika und Luxemburg die Fotografien gemacht, auf denen man Buchstaben erkennt, und ein ABC gezeichnet.

Irgendwann habe ich gedacht, daraus könnte ein spielerisches Kinderbuch entstehen," so die vielfach ausgezeichnete Autorin.

Gesagt, getan und das Ergebnis kann sich sehen lassen. In einer gelungenen Mischung aus Text und Bild gibt es ein Buchstabenviertel auf einer Doppelseite zu bestaunen, kniffelige Rätseltexte, fantasievolle Wortbilder und einige Themen-Abc`s. Auch Gedichte sind mit von der Partie.

"Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich in der ersten Klasse zum ersten Mal selbst einen Reim gelesen habe. Mein Großvater, der Lehrer war, hat mir auch das Lesen und Schreiben beigebracht," so van Leeuwen weiter.


Doch auch wenn man alle Buchstaben kennt, kann man nicht automatisch fesselnde Geschichten schreiben. Der Weg dorthin ist oftmals weit, aber mit "Schreib!Schreib!Schreib! - Die kreative Textwerkstatt" kommt man der Verwirklichung dieses Wunsches schon ein stückweit näher. Ylva Karlsson, Autorin von "Sei kein Frosch, Malin!" und "Zauberhafte Dorabella" (beide Hanser), gibt gemeinsam mit Katarina Kuick kluge Tipps, schaut aus vielen Blickwinkeln auf das Thema und lässt sowohl renommierte Autor/innen zu Wort kommen - so etwa Frida Nilsson - als auch Jugendliche erzählen und schreiben.

"Ich habe Kurse in ‘creative writing‘ für diese Altersgruppe gegeben und dann dachte ich, ein Buch voll von Schreibaufgaben, Ideen und Inspiration würde ihnen helfen. Doch dazu brauchte ich unbedingt noch eine Kollegin und so habe ich Katarina gefragt," erzählt Karlsson. Seit der Auszeichnung mit dem renommierten schwedischen August-Preis ist "Schreib!Schreib!Schreib!" überaus bekannt und liegt nun auch in deutscher Übersetzung vor.

"Eine Frau hat mir erzählt, dass sie das Buch ihrem Vater und ihrer Tochter zu Weihnachten geschenkt hat, damit beide dieselbe Schreibaufgabe lösen und sich den Text dann gegenseitig vorlesen," ergänzt Karlsson noch.


Vorlesen und zuhören liebt auch das Mädchen in Pamela Zagarenski´s neuer Geschichte "Der Fuchs und die verlorenen Buchstaben". Doch was soll sie nur tun, wenn weit und breit keine Buchstaben in Sicht sind? Mit einem textlosen Bilderbuch setzt sich dieses kleine Kind auseinander.

Stets links unten in die Ecke platziert die amerikanische Illustratorin das Mädchen mit dem Bilderbuch auf dem Schoß und verwendet so das Buch-im-Buch Motiv.

Diese prachtvollen, traumhaften und fantasievollen Acrylgemälde mit faszinierenden Tieren können sich auch die Kinder anschauen und eigene Worte dazu finden. "Ich weiß noch, dass ich den Schulbilbliothekstag als Kind sehr geliebt habe," so Zagarenski. " Außerdem hatten meine Cousins alle Bücher, die man sich nur vorstellen kann.

Meine Großmutter gab mir eine alte, wertvolle Ausgabe von "Pu, der Bär" und von meiner Großtante bekam ich eine wundervoll illustrierte Buchausgabe der Fabeln von Aesop", erinnert sich die Illustratorin.

Diese Begeisterung für Worte und Bilder spürt man auf jeder einzelnen Seite ihres Buches.


Ähnlich magisch und fantasievoll nähern sich die beiden Künster/innen Agnès de Lestrade und Valeria Docampo in "Der Bär und das Wörterglitzern" diesem Themenbereich, das in diesem Jahr auf der Empfehlungsliste des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises steht. "Das farbintensive Spiel mit ungewohnten Perspektiven und der Zauber der poetischen Illustrationen begleiten die wirkmächtigen Sprachbilder und laden zum Wörterträumen ein," so heißt es in der Jurybegründung.

Und wirklich: Traumschweben, eiszapfenglitzern, tränenschwimmen oder langeweilschleichen - was sind das nur für interessante Worte?

"Das Wörterfinden und -erfinden war besonders spannend," so Übersetzerin Anna Taube. "So viele Assoziationen, so viele Möglichkeiten - denn eine Eins-zu-eins Übersetzung hätte nicht schön geklungen. So hatte ich in diesem Fall die Freiheit, mich ein wenig vom Original zu lösen," so Taube weiter. Man kann eintauchen in die Welt des Bären und sich selbst auf das Spiel mit neuen Worten einlassen. "Der blaue Bär war eine Idee der Illustratorin Valeria Docampo", erinnert sich die Autorin. "Meine Geschichten beginnen immer mit einem Titel und dann entsteht alles weitere wie von selbst, scheinbar fast ohne mich," so Agnès de Lestrade weiter. "Preise und Empfehlungslisten sind eine wahre Freude für mich - ich habe meine Leser/innen berührt, was gibt es besseres für eine Autorin?" ergänzt sie noch.


Damit diese Ideen in Buchform die Leser/innen erreichen können, ist es abermals ein langer Weg, der nicht jedem Leser und jedem Kind in allen Einzelheiten klar ist. Nach der Lektüre von Daniel Napps Sachbilderbuch "Das schlaue Buch vom Büchermachen" dürfte das aber kein Problem mehr sein. Klar, anschaulich, humorvoll und gut erklärt nimmt man teil an dem Weg, den eine Idee nimmt, um Gestalt anzunehmen, bis sie ein Kind in Form eines Bilderbuches zum Geburtstag geschenkt bekommt.

"Du magst Bücher? Klasse! Vielleicht hast du dich auch schon einmal gefragt, wie Bücher gemacht sind? Dann bist du hier genau richtig," - so lautet der Klappentext, der nicht immer so treffend formuliert ist! Konrad Maus begleitet die Betrachter/innen und kommentiert in Sprechblasen den Weg mit pfiffigen Worten und Informationen. Verlag finden, Vertrag unterschreiben, Storyboard zeichnen, bis hin zur Druckerei, dem Lager des Großbuchhändlers und zur Buchhandlung vor Ort - allesamt wichtige Stationen.

Daniel Napps Illustrationen sind wie immer grandios - Bleistift, Fineliner und Wasserfarben. In der Rubrik "Wusstest Du schon …" erfährt man noch, dass es über 10.000 öffentliche Bibliotheken in Deutschland gibt. "Bisher waren alle Reaktionen überraschend positiv," erzählt Daniel Napp. "Da sich die meisten Kinder noch nie mit der Frage auseinandergesetzt haben, wie so ein Buch eigentlich entsteht, war das Thema für sie mindestens so spannend wie Polizei oder Feuerwehr," so Napp weiter.


Spannend war es, von Franziska Biermann zu erfahren, wer Pate für ihren ersten Band mit Herrn Fuchs stand. "Der Auslöser für die Geschichte war eine kleine Werbevignette für die Kinderbuchreihe von Rowohlt. Ich selbst bin 1970 geboren und mit diesen Taschenbüchern quasi aufgewachsen. Dieser Fuchs, der so herzhaft in ein Buch beißt, hatte es mir angetan", so erzählt die Hamburger Illustratorin. Nach "Herr Fuchs mag Bücher" gibt es nun endlich einen zweiten Band mit dieser charismatischen Hauptfigur und mit dem Titel "Herr Fuchs und der rote Faden".

Diesmal geht es um Diebstahl geistigen Eigentums. "200 vollgeschriebene fuchsrote Notizbücher mit den interessantesten Begebenheiten, die ich im letzten Sommer beobachtet, erlauscht und erlebt habe", so erklärt Herr Fuchs, sind aus seinen Kellerregalen geklaut worden. Rasant, spannend und originell - so kann man die amüsante Lektüre beschreiben, bei der Kinder ganz nebenbei etwas über das abstrakte Thema "Urheberrecht" erfahren.

"Als die Diskussion um die Bewertung von geistigem Eigentum in unserer digitalen Welt losging, bemerkte ich, das dieses Thema auch für Kinder interessant sein könnte. Herr Fuchs als Schriftsteller bot mir da eine ideale Projektionsfläche," so die Autorin weiter. Und was es eigentlich mit dem `roten Faden` auf sich hat, wird natürlich auch im Laufe dieses Kriminalfalles klar!


Stian Hole dagegen lässt einige Aspekte gerne im Unklaren und bietet dem Leser so die Möglichkeit, seine eigenen Gedanken in die Geschichte einzuweben. Seine beiden Hauptfiguren in "Morkels Alphabet" finden über Notizzettel zueinander, gehen gemeinsam auf die Suche nach besonderen Worten oder träumen sogar "die Vögel seien Buchstaben und der Acker ein riesiges Blatt Papier, das sich zusammenfalten lässt."

Anna und Morkel bewegen sich in der tiefverschneiten Landschaft Norwegens und das Baumhaus ist Refugium und Rückzugsort für die beiden. Morkel hat dort Wörter, Buchstaben und kleine Zeichnungen in die Baumrinde geschnitzt.

Der renommierte Künstler "erzählt von zwei Teenagern, die gemeinsam das Geheimnis der Sprache entdecken. Wobei die Sprache für sie nicht allein aus dem System der Zeichen besteht, sondern auch den Klang und den Geruch bezeichnet," heißt es in der Jurybegründung.

"Morkels Alphabet" ist der diesjährige Preisträger des Illustrationspreises für Kinder- und Jugendbücher (GEP - Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik), der am 9. September 2016 in Anwesenheit des Künstlers im Kaisersaal des Frankfurter Römers verliehen wird.

Antje Ehmann
August 2016
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