Der Sound der Geschichte

Marcel Beyer ist Büchnerpreisträger 2016

Michael Braun

Die Literatur der Gegenwart mache „zu wenig Kino und zu viel Fernsehen“, sagt Marcel Beyer dem „freitag“ 2015 in einem Interview. Er muss es wissen. Der 1965 in Württemberg geborene Marcel Beyer hat wie kein anderer mit den Medien seiner Zeit experimentiert. Er hat lange bei einem Musikmagazin mitgearbeitet, schreibt Opernlibretti, hat sich intensiv mit Tontechnik und Photographie beschäftigt. Und deswegen argumentiert er, dass es das Kino ist, das die großen Bilder im Kopf entstehen lässt, nicht die Routinen und Serienformate des Fernsehens. Im Herbst 2016 bekam Marcel Beyer die renommierteste Auszeichnung des Literaturbetriebs, den Büchnerpreis.


Close-up auf einen Roman

„Flughunde“, so heißt der Roman, der Marcel Beyer 1995 auf einen Schlag bekannt machte. Die Handlung spielt im Berliner Führerbunker, im Mittelpunkt stehen ein Tontechniker Hitlers und die Kinder von Goebbels. Doch es geht nicht nur um das Ende des „Dritten Reiches“. Beyer erzählt die Doppelgeschichte von Mittätern und Opfern des Systems als Mediengeschichte. In der Rahmenhandlung wird von dem – fiktiven – Fund eines nationalsozialistischen Schallarchivs in Dresden berichtet. Die Spuren führen zu dem Akustiker Hermann Karnau, der für die Beschallung von Goebbels' Propagandaveranstaltungen zuständig war. Karnau nimmt sich an der Front vor, die Sprachreste der Kämpfer und die Stoßseufzer der Sterbenden zu konservieren, und schreckt später in Berlin nicht zurück vor Operationen an lebenden Menschen. Als Wachmann im Bunker erlebt er die letzten Tage Hitlers und der Goebbels-Familie mit.

Aus den Tondokumenten, die im realen  Kontext der grausamen Menschenexperimente der Nazis stehen, spricht der Klang der „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt). Das Abhörsystem inner- und außerhalb des Bunkers reduziert die Menschen zu „Resonanzkörpern“ und „Schallquellen“. Vom Löschen menschlicher Laute zum Auslöschen von Menschenleben ist es da nur ein kleiner Schritt. Deutlich wird das auf dem Titelbild der Erstausgabe des Romans. Wir sehen die Ziffern der Laufgeschwindigkeit von Schallplatten, „33“ und „45“. Sie bezeichnen auch den Zeitraum des „Dritten Reiches“. Und das Medium, in dem uns diese Erinnerung überliefert  wird. Der Untergang der Propaganda- und Menschenvernichtungsmaschine wird akustisch erzählt. So bringt Beyer die Geschichte zum Sprechen. Und er zeigt, warum die Deutschen „ihre eigenen Stimmen nicht mehr hören konnten“, „die sie sich zwölf Jahre lang heiser geschrien“ hatten.

Infobox

Der Büchner-Preis ist der renommierteste und seit 2011 (neben dem Joseph-Breitbach-Preis) der höchstdotierte jährlich vergebene Literaturpreis für deutschsprachige Autoren. Er wird jährlich von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. zur Seite

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Immer noch eine Faszination

Zwei Monate führte das Buch die Bestenlisten an, bis Ende 1997 wurden 25.000 Exemplare verkauft, es wurde Schullektüre und liegt seit 2014 auch als Graphic Novel vor. Die Faszination, die noch immer von dem Roman ausgeht, beruht nicht allein auf der fabelhaft erzählten Story. Beyer geht es nicht darum, nur gut zu erzählen. Er will forschen und etwas herausfinden, am besten ohne Zielvorgabe. Deshalb gehören Aufenthalte in Museen und Forschungsinstituten zu seinem Arbeitsprogramm.

Auch die folgenden Romane setzen konsequent das Erzählkonzept der „Flughunde“ fort. „Spione“, der Roman von 2000, demonstriert, wie drei Generationen mit der Erinnerung an den Krieg umgehen: verheimlichend die Zeitzeugen, anklagend deren Kinder, die 68er Generation, ausspähend die Enkel. Und das alles in medialer Form: Es sind diesmal weniger Töne und Stimmen, vielmehr Fotos, die das Bild von der Geschichte im Gedächtnis der Gegenwart prägen.

„Kaltenburg“, der von der Kritik sehr gelobte Roman von 2008, erzählt vom Aufstieg und Fall des Genies in der Diktatur. Kaltenburg ist ein Zoologe mit faustischen Zügen, ein verführter und verführerischer Gelehrter, als dessen Vorbild man den Nobelpreisträger Konrad Lorenz namhaft machen kann – aber nicht muss. Marcel Beyer schreibt keinen Schlüsselroman, sondern eine epische Parabel über die Fallstricke der Erinnerung. Bei dieser literarischen Erinnerungsarbeit leistet dem Autor sein Erzähler große Dienste. Marcel Beyer ist, neben Marica Bodrožić, Norbert Gstrein, Michael Kleeberg und Patrick Roth, einer der wenigen Schriftsteller, die einen Erzähler ins Werk setzen, der unzuverlässig ist und oft vergesslich, nicht unbedingt in erster Verantwortung schuldig, wohl aber tief verstrickt in die Geschichte, an die er erinnert. Karnau und seine Nachfolger sind unheimliche Zeugen des Geschehens, man kann ihnen nicht alles abkaufen, sondern muss die Erinnerungen kritisch befragen. So erläutert der Autor, warum seine Hauptfigur Hermann Karnau „einfach auf das falsche Tier“ setzt: „Er nimmt fälschlicherweise an, dass Flughunde sich an Ultraschall orientieren. Mir kam die Forschungsgeschichte auch sehr entgegen, weil man lange angenommen hat, dass sowohl für Flughunde als auch für Fledermäuse die gleichen Prinzipien gelten. Erst Anfang der vierziger Jahre hat man dann festgestellt, dass dies nur auf die Fledermäuse zutrifft. In dem Moment als Karnau erfährt, dass es nicht die Flughunde sind, die sich am Ultraschall orientieren, bricht ja auch sein ganzes Projekt zusammen.“ (Interview mit Jasmin Herold im „Berliner Zimmer“)


Der Lyriker als „Augen- / Ohrenkunde“

Marcel Beyer ist auch als Lyriker hervorgetreten, mit Gedichten, die größere Aufmerksamkeit erfordern, aber den Leser mit Entdeckungen belohnen. Die Gedichte der Bände „Falsches Futter“ (1997), „Erdkunde" (2002) und „Graphit“ (2014) erkunden literarische, historische und geographische Nachbarschaften, die mit größtmöglicher Klarheit in ein sprachliches Verhältnis zueinander gesetzt werden. Sie führen nach Osteuropa, in die Erinnerungslandschaften der „bloodlands“ (Timothy Snyders). Aus den von der Großelterngeneration besiedelten und besetzten Geschichtslandschaft (“UNSERE OSTGEBIETE“, so hebt es ein Gedicht in Versalien hervor) wird ein Panorama flüchtiger, widersprüchlicher Details. Der Dichter ist ein Sammler dieser Bilder. Er trauert nicht und klagt nicht an. Er untersucht, in einer spröden Sprache, die anspruchsvoll gebaut ist, aus Montagen und Metaphern. Insofern sind Gedichte für Beyer „Forschung – auf einem anderen Gebiet als der Naturwissenschaft, mit anderen Mitteln, einem anderen Gegenstand natürlich, aber in der Bewegung ähnlich."

Schon der Titel „Graphit“ ist Signal und Programm. Mit dem Mineral bezeichnet er die gegenständliche Grundlage von Marcel Beyers Schreiben, seine Dingpoesie. „Graphit“ ist zugleich ein Material zum Schreiben (es kommt als Reibablagerung in Bleistiften vor) und ein Wort, das auf die Tätigkeit verweist, von der es etymologisch abgeleitet ist („graphein“ heißt ‚schreiben’). Wie kunstvoll und auch provokativ das ist, zeigt das Gedicht „Wespe, komm“. Die Sprache fliegt von geläufigen Wörtern zu ganz neuen, von kurzen zu langen. Die Sprache muss stechen, das Gedicht muss Dichter und Leser anstacheln, sonst droht es zu erkalten oder abzustumpfen:

Wespe, komm

Wespe, komm in meinen Mund,
mach mir Sprache, innen,
und außen mach mir was am
Hals, zeig’s dem Gaumen, zeig es
 
uns. So ging das. So gingen die
achtziger Jahre. Als wir jung
und im Westen waren. Sprache,
mach die Zunge heiß, mach

den ganzen Rachen wund, gib mir
Farbe, kriech da rein. Zeig mir
Wort- und Wespenfleiß, mach’s
dem Deutsch am Zungengrund,

innen muß die Sprache sein. Immer
auf Nesquik, immer auf Kante.
Das waren die Neunziger. Waren
die Nuller Jahre. Und: so geht das

auf dem Land. Halt die Außensprache
kalt, innen sei Insektendunst, mach
es mir, mach mich gesund,
Wespe, komm in meinen Mund.


Marcel Beyer, der in Siegen Anglistik und Germanistik studiert und viel über Friederike Mayröcker gearbeitet hat, ist einer der findigsten, beharrlichsten und sensibelsten Erzähler der deutschen Zeitgeschichte. Auch wenn manche Kritiker empfehlen, es sei besser, einige seiner Texte mit einem Wörterbuch in der Hand zu lesen, spricht das nicht gegen seine Bücher, wohl aber für deren Sprache. Und die ist gerade auch für die junge Generation spannend.

Den Abiturienten des Jahrgangs 2015 hat er geraten, die Bilder ihrer Zeit genau zu lesen – und das am Beispiel des „Situation Room“, in dem die Spitze von amerikanischer Regierung und Militär Bin Ladens Tod verfolgte, vorgemacht. Kein Zweifel, Marcel Beyers Bücher zu lesen, auch seine Essays („Nonfiction“, 2003), ist Kopfkino, Arbeit an der Imagination, Aufforderung zur kritischen Erinnerung.

Michael Braun
Oktober 2016
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