Kommentar zur kritischen Edition "Mein Kampf"

Ein Kommentar zur kritischen Edition von Hitlers „Mein Kampf“ des Instituts für Zeitgeschichte. Von Guido Schröer, Geschäftsführer des Borromäusverein e.V., Dachverband der katholischen Büchereiarbeit.

Bis 1945 wurde Hitlers Mein Kampf zwölf Millionen Mal gedruckt. Seit 1945 lag das Urheberrecht von „Mein Kampf“ beim Freistaat Bayern, der keinen Nachdruck in Deutschland zugelassen hat, um eine weitere Verbreitung des Propagandawerkes zu verhindern. Exemplare von „Mein Kampf“ aus dem Antiquariat oder fremdsprachliche Ausgaben konnte man seit 1945 jedoch auch in Deutschland kaufen und lesen, denn verboten war das Buch in Deutschland nicht. 70 Jahre nach dem Tod Adolf Hitlers erlosch das Urheberrecht, sodass der Freistaat Bayern einen Nachdruck nicht mehr verhindern kann. Das renommierte Institut für Zeitgeschichte hatte sich angesichts des auslaufenden Urheberrechts schon vor mehreren Jahren auf den Weg gemacht, eine kommentierte Neuauflage, eine kritische Edition vorzubereiten. Jetzt ist die kommentierte Neuauflage am 8. Januar 2016 mit einer Auflage von 4.000 Exemplaren erschienen. Sie war sofort ausverkauft. Eine Nachauflage wurde angekündigt. Buchhandlungen und Buchhandelsketten hatten sich im Vorfeld mit Vorbestellungen zurückgehalten. Die Diskussionen darüber, wie man sich dem Werk gegenüber verhalten sollte, waren oft von Ratlosigkeit gezeichnet. Auch nach Erscheinen der kommentierten Neuauflage wird das Werk kontrovers diskutiert.

Der Historiker Ian Kershaw, Experte auf dem Gebiet der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts und Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, spricht dem Werk „eine erstklassige wissenschaftliche Leistung“ zu. Kershaw nimmt auch inhaltlich Stellung: „Mein Kampf wird zu dem, was es nüchtern betrachtet schon seit Kriegsende ist: eine, wenn auch grauenvolle, historische Quelle.“

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, ist davon überzeugt, dass Kenntnisse von „Mein Kampf“ nach wie vor wichtig sind, um den Nationalsozialismus und die Shoa zu erklären. „Daher ist nichts dagegen einzuwenden, wenn eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe für Forschung und Lehre zur Verfügung steht.“

Der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte Andreas Wirsching hält es für entscheidend, dass durch die kommentierte Neuauflage „die von Hitler gestreuten Falschinformationen und seine offenen Lügen enttarnt und jene zahllosen Halbwahrheiten kenntlich gemacht werden, die verderbliche propagandistische Wirkung entfalteten.“

Dass dies dem Werk gelungen ist, wird ihm vielfach bestätigt. So schreibt die Augsburger Allgemeine: „Sie treten der Mystifizierung der Hetzschrift mit den Mitteln der Wissenschaft entgegen. Sie entlarven Hitlers Lügen, seine Propaganda, seine Machttechniken und seine Selbststilisierung und betreiben damit Aufklärung im besten Sinne.“

Dass die kommentierte Neuauflage in wissenschaftlichen Bibliotheken im Bestand sein wird, ist unstrittig. Öffentliche Büchereien werden das Werk hingegen nur selten in ihren Bestand aufnehmen, da es sich auf Grund der mehr als 3500 wissenschaftlichen Erklärungen und Richtigstellungen nicht leicht lesen lässt. Das ist auch Herausgeber Christian Hartmann bewusst, der mit dieser Ausgabe Hitlers Text mit den Erklärungen und Richtigstellungen „umzingeln“ wollte.

Die Zielgruppe für dieses Werk sind eher wissenschaftlich Interessierte, Multiplikatoren, Lehrer. Das macht das Buch nicht weniger wert, hilft aber die Frage zu beantworten, ob jede KÖB dieses Buch in ihrem Bestand haben muss.

Wer sich auch substantiell, aber leichter lesbar mit dem Thema befassen möchte, dem empfiehlt der Borromäusverein aktuell das Buch von Sven Felix Kellerhoff „Mein Kampf - Die Karriere eines deutschen Buches“, das im Klett-Cotta Verlag erschienen ist.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema wird und muss uns bleiben – so oder so.

Guido Schröer
Januar 2016

Links:
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Medienempfehlung: Mein Kampf - Die Karriere eines deutschen Buches

"Mein Kampf"

Der Jahreswechsel 2015/16 spielt für die Erforschung des Nationalsozialismus eine wichtige Rolle, denn zum einen verfallen am 31.12.2015 nach 70 Jahren die dem Freistaat Bayern von der US-Militärregierung zugeteilten Urheber- und "Mein Kampf" Verlagsrechte an Hitlers Machwerk "Mein Kampf", zum anderen erscheint zu Jahresbeginn eine von Historikern des Münchner Instituts für Zeitgeschichte wissenschaftlich erarbeitete und kommentierte Edition dieses Pamphlets. Aus der Überzeugung heraus, dass "Hitlers Werk dringend entmythologisiert" werden müsse, gibt der Historiker Sven Felix Kellerhoff einen gut lesbaren, detaillierten Überblick, indem er u.a. Entstehungsgeschichte, Inhalt, Überarbeitungen und Vollzug, gerade auch mit Blick auf Hitlers Hass auf "die Juden" präzise untersucht. Auch entschlüsselt er die Biografie Hitlers, legt dessen konfuses, willkürlich zusammengesetztes Gedankenkonstrukt offen, zeigt Hitlers unseriöse Arbeitsweise bei der Formulierung seiner politischen Ziele und nimmt dessen - teils mit fiktiven Behauptungen - perfektionierte Selbststilisierung unter die Lupe. Hochinteressant ist auch Kellerhoffs durch Quellen belegte Feststellung, dass Hitler das Buch vor allem aus finanziellen Gründen schrieb (Einnahmen von ca. 12 Mio. Reichsmark), um der Abhängigkeit von diversen Geldgebern zu entkommen und sich einen luxuriösen Lebensstil zu gönnen. Alle vom Verfasser erläuterten Aspekte werfen einen kritischen Blick auf "Die Karriere eines deutschen Buches", auf den vermeintlich begabten Schriftsteller, auf die Akzeptanz der Bevölkerung und auf die jede Auseinandersetzung mit "Mein Kampf" unterbindende unverständliche Haltung Bayerns. - Für einen geschichtlich interessierten Leserkreis sehr zu empfehlen!

Inge Hagen

Inge Hagen

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

"Mein Kampf"

"Mein Kampf"

Sven Felix Kellerhoff
Klett-Cotta (2015)

366 S.
fest geb.

MedienNr.: 798652
ISBN 978-3-608-94895-0
9783608948950
ca. 24,95 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Ge
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