Scheherazades Chemie

Rafik Schamis Experimentieren mit tausendundeiner Nacht

Lektüretipp für die Zeit zwischen den Jahren: „Eine Hand voller Sterne“ von Rafik Schami, der 2016 70 Jahre alt wird.

  

Von Michael Braun

Rafik Schamis junger Romanheld wettet, dass er in den Beichtstuhl gehen und ohne Strafe herauskommen kann. Der Pfarrer ist streng. Er fragt Verstöße gegen die zehn Gebote ab. Der Junge verneint. „Du Hund“ sei kein Schimpfwort, sondern ein „Geschöpf Gottes“. Gestohlen habe er nichts, weil ihm das gehöre, was er begehre. Und gelogen habe er nach der letzten Beichte auch nicht. Der Pfarrer hält das für Hochmut und brummt ihm ein Vaterunser und ein Bußgebet auf.

Entwaffnende © Vincent Eisfeld / vincent-eisfeld.de / CC-BY-SA-4.0. Ironie ist die beste Antwort, die der 1946 in Syrien geborene und seit 1971 in Deutschland lebende Schriftsteller, Kind christlich-aramäischer Eltern, auf interreligiöse Missverständnisse geben kann. Er hat zwölf Jahre eine katholische Eliteschule besucht, war in einem jesuitischen  Kloster im Libanon, hat Chemie studiert und promoviert. Er reagiert allergisch auf Glaubensenge und Fundamentalismen jedweder Art. Gegen religiöse Intoleranz richtet er sein literarisches Wort. Mit seinen Erzählungen und Romanen hat er, angefangen von seinem Debütband „Andere Märchen“ (1987) über das erfolgreiche „Buch der Stadt Köln“ 2015 „ Eine Hand voller Sterne“ (1987) bis zu dem großen Roman „Erzähler der Nacht“ (1989), viele Leser – und Auszeichnungen – gewonnen.

Erweckungserlebnis „Tausendundeiner Nacht“

Rafik Schamis Erzählen folgt einer einfachen Formel. Es ist „knapp, präzise und listig“. Ein Erzählen, das aus der mündlichen Tradition kommt, ebenso fabulierlustig wie krisenfest. Seine Ur-Ahnin ist Scheherazade, die findige Märchenerzählerin aus „Tausendundeiner Nacht“, die dem mordlustigen König jede Nacht eine neue Geschichte erzählt, um ihren drohenden Tod abzuwenden. Ihr unerschöpflicher Vorrat an Phantasie verlängert das Leben.

Als Radio Kairo in den späten 1950er Jahren die „Erzählungen aus den Tausendundein Nächten“ sendete, war das für den Teenager Rafik Schami ein Erweckungserlebnis. Die Hörspiele kamen um halb zwölf nachts, die Mutter, selbst Analphabetin wie mehr als die Hälfte der arabischen Bevölkerung, weckte ihn. Zwei Jahre und acht Monate hörte Rafik Schami zu. Dann war sein Entschluss klar. „Ich hatte einen nach den Utopien fiebernden Kopf und eine unstillbare Sehnsucht nach Geschichten“, heißt es in dem Band „Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick“ (2006). Das Zuhören hat ihn zum Erzähler gemacht: „Wenn du nicht zuhören kannst, kannst du nicht erzählen“, so hat es Schami erfahren. Etwa beim Friseur, dessen Gehilfe ein ungeschickter Bartscherer, aber ein wunderbarer Geschichtenerfinder ist.

Der syrische Autor ist in den 1950er und 1960er Jahren in der syrischen Diktatur groß geworden. Rechtsstaatlichkeit und Demokratie gab es nicht. Zensur, allgegenwärtige Kontrolle, Verfolgung und Folter von Oppositionellen gehörten zum Alltag, der Vater wurde einmal verhaftet und furchtbar malträtiert, nur weil er mit einem Rechtsanwalt gleichen Namens verwechselt worden war. 1971 entschied er sich, von Beirut aus nach Deutschland zu gehen, um dem Militärdienst zu entgehen, vor allem aber, um frei schreiben zu können.

Schriftsteller werden mit den „Buddenbrooks“

Das deutsche Exil befreite seine Zunge. Schami lernte Deutsch. Das war zunächst ein Hürdenlauf. Die Präfixe vor den Verben (an-, um-, weg-, bei-, davonkommen usw.) und die unterschiedlichen Artikel vor den Hauptwörtern raubten ihm den Verstand; das Arabische kennt kein Neutrum. „Etwas Müdigkeit, etwas Trauer oder Wein, Wut oder Begeisterung, und schon sagst du: Der Oberhaupt der Familie begrüßte mich.“ Ein Lapsus, dem Schami listig durch Pluralisierung des Hauptworts ausweicht: „eine todsichere Sache: Die Oberhäupter, die Gespräche, die Komitees. Doch die übereilte Erleichterung führt unversehens zu Peinlichkeiten, wenn man dauernd in Betten schläft und in vielen Gehirnen seine Ideen hat“. Schami las Tucholsky und schrieb die „Buddenbrooks“ ab. So wurde er zum Schriftsteller in deutscher Sprache. Leser war er schon lange. Die amerikanische Bibliothek in Damaskus und eine Buchhändlerlehre öffneten ihm die Augen für die westliche Weltliteratur.  Und selbst geschrieben hat er schon früh, dadaistische Jesus-Gedichte mit dem Vater, ein Theaterstück, engagierte Texte.

Rafik Schamis Vater hat ihn einmal in Deutschland besucht. Zurückgekehrt nach Syrien ist der Autor seit den 1970er Jahren nicht. Zu groß wäre, sagt er, das persönliche Risiko, als Regimekritiker belangt zu werden, oder Schlimmeres. „Ich stehe auf allen schwarzen Listen und dies ist der höchste arabische Literaturpreis, den ich erhalten kann“, bekennt er. Lieber lässt er seine Figuren in dem neuen Roman „Sophia oder Der Anfang aller Geschichten“ (2015) in ihr Vaterland zurückkehren, als sich selbst in die Höhle des Löwen zu wagen. Oder er schickt einen jungen Geschichtenerzähler in die Vergangenheit, um von der Kindheit zu berichten. Das ist, in „Eine Hand voller Sterne“, unverkennbar autobiographisch geprägt.

Schamis Erzähler ist ein gefährdeter Held. Er trägt unverkennbar Züge des Autors. Ein unangepasster Christ inmitten einer gleichförmigen muslimischen Welt. Ein sanfter Rebell in einer Diktatur. Er widerspricht dem Pfarrer, der nur Kanzel und Beichtstuhl kennt. Er gründet eine Jugendbande, die Schnüfflern, Betrügern und Aufschneidern den Marsch bläst. Und eine satirisch-anarchische Wandzeitung für Erwachsene und für Kinder, die von der syrischen Regierung erfolglos verfolgt, aber von der BBC und „Le Monde“ respektvoll kommentiert wird. Er schmuggelt Regimekritik auf kleinen Zetteln in Billigsocken ins Volk. Und er trotzt dem Vater, der, obwohl selbst ein enthusiastischer Leser alter Lyrik und der Bibel, den Sohn zum Bäcker ausbilden will. Doch der Junge muss schreiben, er will Dichter und Journalist werden. Sein Onkel Salim, der nicht schreiben kann, dafür um so besser erzählen (und „lügen“), und der Journalist Habib, der für seine Kritik am Assad-Regime gefoltert wird, sind seine Vorbilder.

Deshalb fängt er vorsorglich schon einmal mit dem Tagebuch an. „Eine Hand voller Sterne“ ist ein Journal aus dem Stoff, aus dem auch Scheherazades Geschichten sind, die Schami erstmals im Radio gehört hat: „unendliche Begebenheiten, Träume, Weisheitsreden, Schwänke, Unanständigkeiten, Mysterien“ (Hofmannsthal). Nur lässt Rafik Schami sie in der modernen Welt spielen, in der Altstadt von Damaskus. Dort gibt es Basare, Kaffeehäuser, Straßenräuber. Und die Handlanger einer Schreckensregierung, die ihr Volk mit einem Heer von heute 15 Geheimdiensten knebeln will.

Nur ein guter Zuhörer ist auch ein guter Erzähler

Rafik Schami weiß, dass es Diktatur, Sippenhaft und Fundamentalismus sind, die Schlingen um den Hals des selbstdenkenden Dichters legen. Sein junger Erzähler entwindet sich, indem er schreibend aufbegehrt: poetisch und publizistisch. Dabei kommen ihm sein wacher Blick auf die Zeit und seine Menschenfreundlichkeit zugute. Auch der angehende Journalist in Schamis Roman ist ein souveräner und gelassener Erzähler. Ein exzellenter Zuhörer zudem, der davon überzeugt ist, dass Wissen allein nicht weise macht, sondern des Gesprächs und der kritischen Überprüfung bedarf. Wissen trennt, Weisheit verbindet.

Und hier kommt das andere, das sehr realistische Erbteil von Schamis Erzählkunst ins Spiel. Der Autor ist Naturwissenschaftler, er hat in Damaskus und Heidelberg Chemie studiert. Neuen Erfindungen misstraut er wie schnell miteinander reagierenden Elementen bei Laborversuchen. Logik, Geduld, Skepsis geben seinen Geschichten ihren festen Sitz im Leben und ihren aktuellen Bezug. In Syrien herrschen bis heute kriegerische Zustände. Schami schreibt friedfertige Erzählungen aus der reichen Tradition der morgenländischen Epik, west-östliche Experimente mit Scheherazades Erbe, faszinierende und lehrreiche „Gehörgespräche“, die oft dann aufhören, wenn es am spannendsten ist. Aber das ist ja einer der Hauptgründe fürs humorvolle Weitererzählen.


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