Die Macht der Bücher und die Kunst zu rezensieren

Rezensenten/innen von Borromäusverein und Sankt Michaelsbund trafen sich vom 11. - 13. März in Fulda erstmals zu einer gemeinsamen Tagung. Auf dem Programm standen Vorträge, eine Lesung mit Susan Kreller und viel Gelegenheit zum Gespräch über das Rezensieren.
 

von Christoph Holzapfel

„Treffen wir uns nächstes Jahr wieder?“ Diese Frage war gegen Ende des ersten gemeinsamen Treffens der Rezensenten/innen von Sankt Michaelsbund und Borromäusverein häufig zu hören. Ein anderer, ebenfalls oft gehörter Satz: „Schön, Sie kennen zu lernen. Bisher kannte ich Ihren Namen nur vom Papier.“ Fünfzig Rezensenten/innen folgten der Einladung der beiden Büchereiverbände nach Fulda, die sich mit dieser Veranstaltung für ihre „so eminent wichtige Arbeit“ bedanken wollten, wie Rudolf Kindl betonte, der stellvertretende Direktor des Sankt Michaelsbundes.

Bücher verändern die Welt

Thomas Steinherr, der Leiter der Redaktion Buchprofile beim Sankt Michaelsbund, eröffnete das Treffen mit einem Vortrag zu den Grundlagen einer an christlichen Werten orientierten Rezensionsarbeit. Was sich zunächst arg theoretisch anhört, berührte das Kerngeschäft der Rezensenten/innen. Warum hat die katholische Kirche überhaupt ein Interesse an Büchereiarbeit? Und wie findet die christliche Überzeugung Eingang in die Bewertung von Büchern und anderen Medien?

Steinherr gelang in seinem Vortrag das Kunststück, den Leitspruch der Jesuiten „Gott in allen Dingen finden“ mit der Besprechungsarbeit für die Katholischen Öffentlichen Büchereien zu verbinden. Gottes Spuren sind eben nicht nur da zu finden, wo ausdrücklich von ihm die Rede ist, sondern oft genug auch zwischen den Zeilen oder im Thema eines Buches. Ob ein Buch empfehlenswert ist oder nicht, erklärte Steinherr, hänge daher ebenso von seiner literarischen Qualität ab wie von der Frage, ob es die Welt in christlichem Sinne positiv verändern könne und sei es nur ein wenig. Das gelte sowohl für Bücher, die Wissen jeder Art vermitteln, als auch für solche, die ihren Leser/innen einfach Freude bereiteten und sie gut unterhielten.

Über die Kunst, Kinder- und Jugendbücher zu rezensieren

Franz Lettner von der österreichischen Kinder- und Jugendliteraturzeitschrift 1000 und 1 Buch sprach in seinem Vortrag über das Glück, Kinder und Jugendbücher zu lesen und über die Kunst, sie kritisch zu würdigen. Dabei machte er deutlich, dass auch von Kinder- und Jugendbüchern eine weltverändernde Kraft ausgeht. Weltverändernd in dem Sinne, dass sie die Welt der Kinder- und Jugendlichen prägen und ihre Weltsicht beeinflussen können. „Aus der Fülle der Geschichten, die wir hören oder lesen, können einzelne heimlich die Qualität von Lebensdrehbüchern annehmen, sie erhellen so das Ganze einer möglichen Biografie und entwerfen – ohne unser Zutun und ohne unser Wissen – einen Weg“, zitierte Lettner den Schweizer Schriftsteller Jürg Schubiger (1936 – 2014). Wenn also Geschichten einen so großen Einfluss auf die Biografie und vielleicht sogar auf das Selbstbild eines Menschen haben, dann sollten wir damit sorgsam umgehen, meinte Lettner, und diese Geschichten kritisch würdigen, wenn sie als Buch oder Hörbuch verbreitet werden.

Wieder da: das Religiöse in der Gegenwartsliteratur

Georg Langenhorst stellte in seinem Vortrag die neue Tendenz in der Gegenwartsliteratur vor, wieder stärker auch religiöse Rede einzubeziehen. Langenhorst ist Professor für Religionspädagogik in Augsburg, Mitglied der Jury des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises und beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Rückkehr der Religion in die Literatur (Link zur Webseite). Im Eiltempo schilderte er die Geschichte der literarischen Verarbeitung von Religion seit den fünfziger Jahren, der Zeit also, in der Reinhold Schneider, Gertrud von LeFort und andere katholische Schriftsteller/innen tiefreligiös geprägte Romane und Lyrik veröffentlichten. Darauf folgte eine Zeit, in der Literatur Religion beschwieg; erst seit den neunziger Jahren kehre Religion zurück, völlig anders als in den fünfziger Jahren, kirchenfern(er), distanzierter, unabhängiger. Als Beispiele nannte Langenhorst Autoren/innen wie Ulla Hahn, Ralf Rothmann oder Andreas Maier („Ich gönne mir das Wort Gott“ [Link zum Interview, aus dem dieses Zitat stammt]) und Themen wie deutsch-jüdische (z.B. Lena Gorelik) oder deutsch-muslimische Literatur (z.B. Navid Kermani). Langenhorst nimmt eine neue Offenheit für das Religiöse wahr und forderte das Publikum auf, auch in dieser Hinsicht neugierig zu bleiben.

Reger Erfahrungsaustausch

Der Lesung von Susan Kreller aus ihrem Jugendroman „Schneeriese“ folgte das Publikum wie gebannt. Im anschließenden Gespräch verriet Frau Kreller, dass am Anfang dieses Romans der Name Stella Maraun stand. Sie wollte gerne mehr über Stella erfahren und eine Geschichte über sie schreiben. Dabei erschien es ihr einfacher, diese Geschichte nicht sie selbst erzählen zu lassen, sondern eine Figur, die Stella sehr mag. 2015 wurde sie für die Geschichte, die auf diese Weise ihren Anfang genommen hatte, mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Zwei Workshops boten den Rezensenten/innen außerdem die Möglichkeit, ihre Tätigkeit und ihre Wünsche an die gemeinsame Zeitschrift Buchprofile/medienprofile zu strukturieren und den beiden Lektoraten als Haus- und Denkaufgabe mitzugeben. Die Workshops wurden wie die gesamte Tagung von Georg Frericks und Jana Goetzke von der mdg (mehr dazu über diesen Link) moderiert, einer Unternehmensberatung der Deutschen Bischöfe.

Bei den Mahlzeiten, beim Kaffee zwischendurch und abends in gemütlicher Runde nutzten Rezensenten/innen und Mitarbeiter/innen von Borromäusverein und Sankt Michaelsbund die Gelegenheit zu Erfahrungsaustausch und Gespräch. Bunt gemischt und offensichtlich in immer wieder neuer Zusammensetzung standen oder saßen sie beisammen und unterhielten sich über Bücher, Rezensionen und rezensieren, Büchereiarbeit und über Gott und die Welt. Mitten drin Bruno, der Beagle einer Rezensentin, der mit großer Ruhe das Treffen von seinem Kissen aus betrachtete – und immer wieder jemanden fand, die ihn kraulte.

Mehr Bilder vom Rezensententreffen gibt es über diesen Link


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