Frankreich, Frankreich

Ein Streifzug über die Frankfurter Buchmesse

„Fronkreisch, Fronkreisch“ singen die Bläck Fööss (falls Sie sie nicht kennen: eine Kölsch-Rock-Band; das Lied gibt's auf youtube zum Anhören und sehen). Und mit diesem Song aus den achtzigern im Ohr betrat ich den Gastland-Pavillion der Frankfurter Buchmesse. Der erste Eindruck: ein warmer, freundlicher Ort, fast mediterranes Flair, angenehm schlicht. Der Teppichboden in gelb und orange; Regale aus Kiefernholzleisten geben dem großen Raum Struktur.

In der Nähe der Veranstaltungsbühne hatten die Organisatoren eine Gutenbergpresse aufgestellt. Unter dem Motto „Sur la presse de Gutenberg / Hier drucken die Autoren“ druckten französische Schriftsteller/innen hier Auszüge eines ihrer Romane, jeweils eine Seite französisch, eine deutsch. Um die Mittagszeit war Delphine de Vigan dort anzutreffen. Ein freundlicher Franzose zeigte ihr, wie mit einer Rolle Druckerschwärze auf die Druckplatte aufgetragen und der Papierbogen eingelegt wird. Auf der Druckplatte befand sich die erste Seite ihres Romans „Nach einer wahren Geschichte“ (alle im Text erwähnten Titel finden Sie am Ende der Seite).

Um das Papier zu bedrucken, muss der Drucker mit einigem Kraftaufwand an einem Hebel ziehen, der über eine Spindel die Presse auf die Druckplatte absenkt. Frau de Vigan – von eher zierlicher Statur - schien erst Zweifel zu haben, ob sie genug Kraft würde aufbringen können. Dann zog sie den Hebel mit vollem Körpereinsatz zu sich. Als sie danach den ersten Bogen aus der Maschine nahm, husche ein Ausdruck von Stolz über ihr Gesicht: gelungen. Mit Konzentration und einer gewissen Begeisterung ließ sie dem ersten Bogen weitere folgen, bevor sie sie für das gar nicht so zahlreich versammelte Publikum signierte.

 

Überraschende Begegnung

Auf dem Weg vom Gastland-Pavillon zu den Ausstellungshallen begegnete mir der französische Schriftsteller Gaël Faye, dessen Roman „Kleines Land“ ich am Abend zuvor mit anderen Büchern vorgestellt hatte. Ich sah ihn von hinten – im Verbindungsgang zwischen den Hallen war nicht viel Betrieb und Faye ist groß, fast 2 Meter – und erkannte ihn, weil er in dem Video zu seinem Buch zunächst auch von hinten zu sehen ist. Wir waren beide überrascht von dieser Begegnung und ich versuchte ihm im weltschlechtesten Französisch zu erklären, dass mir sein Buch gefallen hat.

Robert Menasse

Die Buchmesse zu besuchen und durch die Hallen zu streifen heißt, sich aus tausenden von Möglichkeiten die Handvoll herauszusuchen, die in einen Messetag und zur eigenen Kondition passt. Begibt man sich vom Gastlandpavillon in die Ausstellungshallen, so wirkt das wie aus der Stille des Waldes in eine laute Fabrikhalle zu treten. Die Hallen summen und brummen, Tausende von Gesprächen tränken die Luft. Menschen stehen, gehen, staunen, sprechen, lachen, lesen. Manchmal stockt der Strom der Menschen durch die Gänge, weil ein Schriftsteller an einem Stand viele Menschen um sich schart oder ein Fernsehteam Aufnahmen macht.

Zum Interview mit Robert Menasse, dem Preisträger des Deutschen Buchpreises, am Stand des Spiegel, kam ich deshalb zu spät; der Stand war bereits dicht umlagert. Menasse las mit unverkennbar Wiener Färbung in der Stimme aus seinem Roman „Die Hauptstadt“. Im Gespräch mit Volker Weidermann wurde ein bescheidener, über seine Auszeichnung immer noch staunender Mensch sichtbar.

 

Robert Menasse, Gewinner des Deutschen Buchpreise, im Gespräch mit Volker Weidermann #fbm17 #deutscherbuchpreis #robertmenasse

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Standlandschaften

Die Messestände der Verlage sind so verschieden wie ihre Programme. Große Verlage präsentieren ihre Titel oft in regelrechten Standlandschaften. Suhrkamp, Hoffmann und Campe und Hanser z.B. zeigen sich bildungsbürgerlich, hohe Regale in eher dunklen Farben, davor Sitzgelegenheiten für Gespräche. Piper bietet mehr Durchblick durch Elemente aus Plexiglas. Bei der Verlagsgruppe Randomhouse fühlte ich mich wie bei Karstadt oder Kaufhof; der Stand wirkt eher anonym. Ich suchte nach den Krimis von Sophie Hénaff, die bei Carl’s Books erscheinen, weil ich einen Blick in den zweiten Band mit ihrer Ermittlerin Anne Capestan werfen möchte, der gerade erschienen ist. Die Krimis standen in einer Ecke des Standes hinter einem Sofa. Passt, schließlich heißt der erste Band „Kommando Abstellgleis“.

Ganz anders dagegen der Stand von Mare. Klar, im Vergleich zu Randomhouse ist Mare ein Zwerg, aber sie machen tolle Bücher. Die präsentiert der Verlag seit Jahren auf einem großen alten Esstisch, dunkel gebeiztes Holzt mit gedrechselten Beinen. Dahinter immer gesprächsbereite Mitarbeiter/innen, diesmal saß auch Anne von Canal („Whiteout“) dort, mit der sich ganz unkompliziert plauschen ließ.
Wenn es einen Preis für den ausgefallensten Stand der Buchmesse gäbe, wäre Kein und Aber sicher ein Anwärter darauf. Ihren Stand fand sich nicht in den Messehallen, sondern auf dem weiten Platz dazwischen, der sog. Agora. Dort hatte der Verlag Container gestapelt, in denen er sein Programm präsentierte und obendrauf eine hübsche Dachterrasse platziert.

 

Sebsatian Fitzek bei den Selfpublishern

Bevor ich noch einmal in den Gastland-Pavillion zurückkehrte, um ein belegtes Baguette zu essen, habe ich noch bei Sebastian Fitzek vorbeigeschaut, der einen Auftritt bei den Selfpublishern hatte. Mit Selfpublishing hat er zwar nichts am Hut, kann aber den Autoren, die diesen Weg Wolfgang Tischer (literaturcafe.de und Sebastian Fitzek beschreiten wollen, wertvolle Tipps geben.

Das Publikum bestand zum großen Teil aus jungen Frauen, so Mitte/Ende 20. Auf die Frage, wer von ihnen denn Selfpublisher sei, meldete sich allerdings nur eine Handvoll. Beim Rest des Publikums dürfte es sich um Fans gehandelt haben. Sehr sympathisch war, dass er von „wir Autoren” sprach. Ebenso sympathisch war, dass er die zahlreichen Autogramm- und Signierwünsche erfüllte, obwohl er zuvor angekündigt hatte, gleich zum nächsten Termin zu müssen. Das war Anschauungsunterricht zum Thema „Wie pflege ich meine Fans?”

Am rechten Rand

Der Streifzug über die Buchmesse wäre unvollständig, würde er nicht zumindest erwähnen, dass es am Samstag zu einem Tumult bei einer Veranstaltung eines Verlages aus dem Spektrum der sog. neuen Rechten kam. Die Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus und den neuen Rechten wird die Gesellschaft noch lange beschäftigen, nicht zuletzt, weil sie jetzt auch im Bundestag sitzen. Einen Überblick über die Berichterstattung in den Medien bietet der Perlentaucher auf dieser Seite. Auch Spiegel Online berichtet hier und hier.

Buchtipp (auch ohne medienprofile-Rezension, die lässt noch auf sich warten): „mit Rechten reden” von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn, Klett-Cotta 2017.

Christoph Holzapfel
Oktober 2017

 

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