Amelie Nothomb

Belgische Schriftstellerin

Sie sieht aus wie Schneewittchen auf einer Gothicparty mit ihren dunklen Haaren, den dramatischen Augen, dem Porzellanteint und den rot geschminkten Lippen. Oft sieht man sie mit Hut. Sie selbst sagt, sie sei stolz, damit einen Trend zu setzen und man weiß nicht, ob sie das ironisch meint.

Amélie Nothomb, belgische Ausnahmeautorin und Vielschreiberin mit Lieblingswohnsitz in Paris, ist anders als andere und lebt dieses Anderssein mit Genuss. Ihre Fans haben sie dafür längst zur Ikone erhoben.

Schonungslos, scharfsinnig und mit humorvoller Distanz schreibt sie über die Realitäten des Lebens, fordert den Leser heraus - zur nachdenklichen Zustimmung, aber auch zum Widerspruch. Nach nur wenigen Stunden Schlaf sitzt sie jeden Morgen um drei an ihrem Schreibtisch in Paris und füllt handschriftlich Seite um Seite. Neben sich eine Kanne extrastarken Kenia-Tee, der „ihre Freunde kotzen lässt“, wenn sie ihn probieren. Für Nothomb gehört er genauso dazu, wie das Morgengrauen des erwachenden Tages, das sich langsam in ihre Zeilen schleicht.

Schmerzhaft direkt


Bis zu vier Bücher schreibt sie auf diese Weise im Jahr. Nur eines davon wird veröffentlicht. So macht sie es seit 1992, als ihr erster Roman „Die Reinheit des Mörders“ erschienen ist. Fast schmerzhaft direkt, sachlich und mit schwarzen Humor gespickt, provokant, lebhaft und anschaulich, so beschreiben Leser ihren Stil, der auf seine Art genauso speziell ist, wie die Autorin selbst. Eben typisch Amélie Nothomb. Berührungsängste kennt sie nicht und wagt sich auch an das Böse, das Abschreckende und das Ärgerliche der menschlichen Natur, die eben in vielen ihrer autobiographischen Werke ihre eigene ist.

Auch im Alltag zieht es sie hin zum Abseitigen. Die stillen Pariser Friedhöfe, die eine alte Mystik atmen, sind ihr lieber, als die Flaniermeile. Das Mysteriöse - es ist ihr nah, umgibt sie wie eine Aura, als trage sie jede Menge Geheimnisse durchs Leben. Und man kann noch so viele ihrer Bücher lesen, diese Frau bleibt ein Rätsel. Ihr selbst scheint es ähnlich zu gehen, denn sie schreibt, so sagt sie, um sich selbst besser zu verstehen.

Stoff für Romane hat ihr Leben bisher genug geboten. Als Tochter eines belgischen Diplomaten erlebt sie bis zu ihrem siebzehnten Lebensjahr Länder und Kulturen im Schnelldurchlauf und erfährt dabei wesentlich mehr, als in ein Kinderleben hineinpasst. 1966 im Kobe geboren, bleibt ihr die erste Heimat Japan fünf Jahre erhalten. Dann heißt es Abschied nehmen, auch von ihrer Kinderfrau Nishio-san. Diesen Schmerz durchlebt sie bei einem Wiedersehen nach vielen Jahren erneut in aller Tiefe und schreibt in ihrem Buch „Der japanische Verlobte“ (2007) über ihre Begegnung: „Ich weine, wie ich gerne mit fünf Jahren geweint hätte, als ich ihren Armen entrissen wurde."

Zu lieben ist ihre Natur


Auf Japan folgt China und dann – ein größerer Kulturschock ist kaum denkbar – New York. Damals ist Amélie acht Jahre alt und hat schon zwei Leben verloren. „Wenn der Abschied kam, war es immer ein Tod, weil man wusste, man verliert jemanden, den man sicher nicht mehr wiedersehen wird“, sagt sie einmal in einem Interview. Zwei mögliche Wege damit umzugehen, hat sie schon früh ausgemacht. Entweder man entscheidet, niemanden mehr zu lieben, dann gibt es keine Schmerzen. Oder man liebt jede Person, mit der man befreundet ist, umso mehr. Nothomb sieht keine Wahl: Zu lieben ist ihre Natur.

Eine Form der Linderung erkennt sie für sich im Champagner und widmet ihrem lebensbegleitenden Elixier sogar ein Buch. „Die Kunst Champagner zu trinken“ (auf Deutsch 2016 im Diogenes Verlag erschienen) ist eine Hommage an die perlende Sünde, deren Genuss sie auf 144 Seiten zuerst mit sich selbst und dann mit einer Autorin teilt. In der Realität spielt Champagner schon früher als es gut ist, eine Rolle in ihrem Leben. Nach gesellschaftlichen Empfängen ihrer adligen Diplomateneltern „hilft“ Amélie gerne beim Aufräumen, indem sie mit ihrer Schwester halbvolle Gläser austrinkt. Ihre Eltern sehen über solcherlei hinweg.

Warum Champagner? „Weil dieser Rausch keinem anderen gleicht. Jedes alkoholische Getränk hat seine besondere Schlagkraft; Champagner ist das einzige, das keine ordinären Metaphern hervorruft. Er erhebt die Seele in einen Zustand, der einst, als dieses schöne Wort noch Geltung besaß, dem Edelmann eigen gewesen sein muss. Champagner macht liebenswürdig und selbstlos, verleiht Leichtigkeit und Tiefe, steigert die Liebe und verleiht deren Verlust Eleganz.“

Hunger nach mehr


Und so begleitet sie der flüssige Weltverbesserer von New York zurück nach Bangladesch, Laos und Burma. Sie steht an der Schwelle zur Pubertät und ist von einem wilden Hunger getrieben. Ihre Mutter bewertet ihn fast als krankhaft. Jahrzehnte später wird Nothomb in ihrer „Biografie des Hungers“ (2004) Sätze wie diesen schreiben: "Ich kenne viele Arten von Hunger: Schokoladen-Hunger, Schreib-Hunger, Lebens-Hunger. Hunger ist das Beste, was es gibt." Provokant wirken solche Aussagen. Nahezu anmaßend angesichts der bitteren Armut, die sie in Bangladesch erlebte.

Vielleicht ist es der bittere Anblick der hungernden Menschen dort, vielleicht ist es auch ein Ringen mit den eigenen Extremen: Mit 13 erkrankt Amélie an Magersucht. Sie stellt sich ihrem Drang nach Essbarem ebenso entgegen, wie ihrem Körper, der Anstalten macht, erwachsen zu werden. Zweieinhalb Jahre lang lebt sie asketisch und stillt ihren Hunger mit Wörtern. Ein Lexikon wird ihre neue Obsession, während sie systematisch Eintrag um Eintrag durcharbeitet – von A bis Z.

Das Schreiben als Therapie


„Ich habe eine Menge des Leidens in meinem Inneren. Ich denke, wenn ich nicht Schriftstellerin geworden wäre, wäre ich schwer depressiv geworden", sagt sie einmal im Deutschlandfunk und offenbart die Anspannung und Zerrissenheit eines Menschen, der als Kind keine Wurzeln schlagen durfte. Um sich zu schützen, erschafft sie sich einen Traum von Heimat, einen privaten Mythos, in dem sie sich als Japanerin fühlt und sich allen Menschen, denen sie in anderen Ländern begegnet, auch so vorstellt.

Japan. Dieses unheilbare Sehnen beschreibt sie in ihrem Buch „Der japanische Verlobte“ (2007): "Im Halbdunkel rekonstruierte ich meinen Garten Eden, lauschte der Musik meines Paradieses, und die Erinnerung wurde wahrer als die Wirklichkeit. Damals konnte ich mit offenen Augen weinen, wenn ich diese verlorene Welt betrachtete, die durch die Kraft der Halluzination wieder auferstand. Wenn man mich so sah und nach dem Grund meines Kummers fragte, antwortete ich: 'Heimweh'.“

Eine Sehnsucht, der sie erst als junge Frau nachgeben kann. Seit ihrem 17. Lebensjahr zurück in Europa, geht sie nach ihrem Romanstikstudium nach Tokio. Sie nimmt eine Stelle in einem japanischen Großkonzern an und findet sich plötzlich in einer Parallelwelt wieder, die so gar nichts mit dem Traum einer Fünfjährigen zu tun hat. Eingezwängt in eine enge hierarchische Unternehmensstruktur, in der selbständiges Denken geahndet wird, erlebt sie dort ihren Abstieg bis zur Klofrau. Diese Geschichte schildert sie humorvoll und ohne Anklage in ihrem wohl bekanntesten Roman "Mit Staunen und Zittern" (1999).

Amélie Nothomb - eine Frau zwischen Welten – stellt am Ende fest, dass sie doch mehr Europäerin ist, als sie dachte. In Paris hat sie heute ihren Ort gefunden. Hier lebt sie, hier liebt sie. Und hier wird sie in den nächsten Jahrzehnten das tun, was sie eben tun muss: schreiben. Mehr als sechzig Bücher hat sie in ihrem Leben schon verfasst. Eine ungebremste Produktivität, die sie in Interviews gerne mit einer Art mütterlicher Fruchtbarkeit vergleicht. „Wenn ich über einem Buch sitze, bin ich immer schon mit dem nächsten schwanger, ohne zu wissen warum.“ Es sei wie eine ständige unbefleckte Empfängnis.

Janina Mogendorf
Juli 2016

Unsere Autorin ist freie Journalistin und wohnt mit Mann und Tochter in Königswinter bei Bonn. Ihre Alltagserlebnisse verarbeitet mit spitzer Feder als „Die Nachbarin“ in ihrem gleichnamigen Blog

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