Katharina Thalbach

Grande Dame mit facettenreichem Lebenswerk

Anders als im Vereinten Königsreich werden Persönlichkeiten des Showbiz in Deutschland nicht als „Sir“ oder „Dame“ für ihr Lebenswerk geadelt. Trotzdem lässt sich schnell ermitteln, ob man es mit einer echten Grande Dame zu tun hat. Dann nämlich, wenn aus einer Katharina Thalbach „Die Thalbach“ wird – eine Frau, die durch ihre Lebensleistung, ihre Präsenz und ihr charaktervolles Spiel zu einer Institution geworden ist. Katharina Thalbach ist Teil einer alten Schauspielerdynastie und die Älteste von drei Thalbach-Frauen, die heute auf der Bühne und vor der Kamera das Publikum begeistern.

Katharina (62), Tochter Anna (43) und Enkelin Nellie (21) - sie alle haben dieses besondere Thalbach-Gesicht mit den ausdrucksvollen Kulleraugen und dem großen Mund. Hin und wieder ist es Zuschauern vergönnt, den direkten Vergleich ziehen, stehen die drei doch gerne gemeinsam auf der Bühne, wie zum Beispiel bei „Roter Hahn im Biberpelz“ (2015) im Theater am Kurfürstendamm. Der Hang zum Schauspiel und zur Inszenierung liegt ihnen im Blut und lässt fruchtbare gemeinsame Theaterprojekte in unterschiedlicher Konstellation entstehen. Katharina Thalbach nennt es in einem Interview das „Zuhause-Gen“. Entweder hasse man, womit man groß geworden ist oder man fühle sich im Familienmetier heimisch.

Eine Kindheit im Theater


Die Schauspielerin weiß, wovon sie spricht. Denn sie wurde als Tochter der populären DDR-Schauspielerin Sabine Thalbach und des Schweizer Regisseurs Benno Besson 1954 mitten in die Theaterwelt hineingeboren. Bereits mit vier Jahren steht sie auf der Bühne, gibt mit sechs im Kriegsdrama „Gerichtet bei Nacht“ ihr Filmdebüt. Häufig begleitet sie ihre alleinerziehende Mutter zum Berliner Ensemble und zum Deutschen Theater, bis sich 1966 plötzlich alles ändert. Gerade einmal 12 Jahre alt ist Katharina, als ihre Mutter Sabine an einer Thrombose stirbt.

Der Schock ist kaum zu bewältigen, Katharinas Kindheit endet abrupt und es ist allein die Kunst, die ihr hilft, den Tod der Mutter zu überleben. „Ich habe extrem viel gelesen und zu diesem Zeitpunkt bereits Theater gespielt. Beides trug viel dazu bei, den Gedanken zu vertreiben, vielleicht nicht mehr weiterleben zu wollen“, sagt sie in einem Interview. Katharina zieht zu einer Schulfreundin, lebt dort bis sie siebzehn ist. Unterdessen ist es Helene Weigel, die Witwe Berthold Brechts und Intendantin des Berliner Ensembles, die für Katharinas schauspielerische Ausbildung sorgt und ihr die Heimat am Theater erhält.

Helene schickt ihr Mündel durch eine harte kompromisslose Schule. "Bei meiner ersten Probe hatte ich nur zwei Sätze zu sagen, aber ich war zu leise“, erinnert sich Katharina Thalbach in einem Interview. Helene Weigel brüllt sie von der Bühne und verordnet ihr Sprecherziehung. Eine Entscheidung, die womöglich den Grundstein für eine Stimme legt, wie es sie in der deutschen Theater- und Filmlandschaft kein zweites Mal gibt und die sie zum gefeierten Hörbuch-Star macht. Es ist eine tiefe Reibeisenstimme, die sie so virtuos und facettenreich einzusetzen vermag, dass sie der 1,55-Meter-Frau sogar Männerrollen beschert.

Die Thalbach als Hauptmann von Köpenick


Bereits mit Anfang vierzig übernimmt sie 1996 in einem von ihr selbst inszenierten Theaterstück die Rolle des „Hauptmann von Köpenick“, weil sie den indisponierten Harald Juhnke vertreten muss. In „Raub der Sabinerinnen” mimt sie den Theaterdirektor Striese. Für einen gleichnamigen ARTE-Fernsehfilm wird sie - gemeinsam mit ihrer Tochter Anna - zum preußischen Soldatenkönig Friedrich der Große. Sie sei da so reingewachsen, dass es für sie keinen Unterschied mehr mache, welches Geschlecht eine Figur hat, sagt sie in einem Fernseh-Interview. Und: Es sei einfach Fakt, dass es mehr gute Männer- als Frauenrollen gebe. 

Offen und direkt, mit Berliner Schnauze gesegnet, hält Katharina Thalbach mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. Ob es nun um politische Fragen geht, ihre durchaus schönen Erinnerungen an ihr Leben in der DDR („wir hatten mehr Sex, und wir hatten mehr zu lachen“) oder das Matriarchat, das ihre Familie „mit großer Freude vertritt“ (alle drei Thalbach-Frauen wuchsen ohne Vater auf). Und die deutliche Stimmgewalt passt zu ihr, dieser kleinen lauten Frau, die mit ihrer Stimme, ihrem schnoddrigen Humor und ihrer Ausstrahlung Zuschauer wie Zuhörer in ihren Bann zieht.

Welten herstellen mit der Stimme


Eine Stimme, die prädestiniert ist für Hörbücher und die ihr im Jahr 2014 völlig zu Recht den Deutschen Hörbuchpreis für ihr Lebenswerk verschafft. Ein Werk, das mit mehr als 200 Hörbüchern von einer unglaublichen Schaffenskraft und einem schier endlosen Repertoire zeugt. Eines haben all ihr Interpretationen gemeinsam, wie es in der Begründung der Jury heißt: „So unterschiedlich all diese Hörbücher sind, Katharina Thalbach versteht es, jeden Text alleine mit ihrer Stimme zu inszenieren und ihm seine eigene Bühne zu bereiten.“

Die Titel der Thalbach, lesen sich analog zu den Bestsellerlisten. Klassiker wie „Was ihr wollt“ von Shakespeare reihen sich ein, neben philosophischen Kinderbüchern, wie „Sophies Welt“, Krimis der Miss-Marple-Reihe und Jugendbüchern, wie die Edelstein-Trilogie von Kerstin Gier. Den Fantasy-Roman „Die Nebel von Avalon“ oder die Schullektüre „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ liest Katharina gemeinsam mit ihrer Tochter Anna.

„Wahrscheinlich habe ich das Lesevirus“, sagt sie einem Interview lachend, denn sie habe schon immer leidenschaftlich gerne vorgelesen, aber auch mit Freude Geschichten gehört, weshalb sie auch selbst gerne Hörbücher mag. Dass es dabei um viel mehr geht, als einen Text mit der richtigen Betonung zu sprechen, bringt sie es in einem Interview auf den Punkt: "Man muss ganze Welten herstellen mit der Stimme, ja in gewisser Weise sprachliche Landschaften entstehen lassen." Hörgenuss made by Thalbach.

Janina Mogendorf
Oktober 2016

Unsere Autorin ist freie Journalistin und wohnt mit Mann und Tochter in Königswinter bei Bonn. Ihre Alltagserlebnisse verarbeitet mit spitzer Feder als „Die Nachbarin“ in ihrem gleichnamigen Blog

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