Edgar Allan Poe und die Erfindung des Detektivs

“Depend upon it, after all, Thomas, Literature is the most noble of professions. In fact, it is about the only one fit for a man. For my own part, there is no seducing me from the path.” — from a letter by Edgar Allan Poe to Frederick W. Thomas (February 14, 1849). The Edgar Allan Poe Society of Baltimore

Die Anfänge eines beliebten Genres

Unser Autor Jürgen Nelles beleuchtet einen Schriftsteller, der erheblich dazu beigetragen hat, dass wir heute Krimis aller Couleur lesen können. Viel Spaß bei der Lektüre und schreiben Sie uns, wie es Ihnen gefallen hat. Ihre Ulrike Fink, Redaktion

von Jürgen Nelles

Der amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe (1809–1849) gilt als einer der Erfinder der Kriminalliteratur und als der Erfinder der Detektivfigur. Sein in den 1840er Jahren in Paris ermittelnder Privatdetektiv C. Auguste Dupin liefert das Vorbild für unzählige Nachfolger – angefangen bei Arthur Conan Doyles (1859–1930) Sherlock Holmes und den Amateurdetektiven in Agatha Christies (1890-1976) oder Dorothy L. Sayers’ (1893-1957) Rätselkrimis über die ‚harten Jungs‘ in den ‚Thrillern‘ von Raymond Chandler (1888-1959) und Dashiell Hammett (1894-1961) bis hin zu heutigen Kino- oder TV-Kommissaren und Kommissarinnen.

Will man die Verdienste Poes auf dem Gebiet der Krimiliteratur würdigen, muss man zumindest kurz auf die Entstehung und Entwicklung von Kriminalgeschichten zurückschauen sowie das Leben und Werk des Schriftstellers in den Blick nehmen, bevor seine drei Kriminalgeschichten betrachtet werden.

Historische Hintergründe

Der Ursprung aller Kriminalgeschichten liegt in einem Verbrechen und seiner Aufklärung – beides findet sich seit dem Beginn der Menschheitsgeschichte und in literarischer Form bereits im ‚Buch der Bücher‘. Die Bibel erzählt von zahlreichen Verbrechen, von Mord und Totschlag, von Folterungen und Vertreibungen, von Ent- und Verführungen und von vielen anderen mehr oder weniger delikaten Delikten. Dass schon das Paradies kein ‚rechtsfreier‘ Raum war, haben die ersten Menschen, Adam und Eva, leidvoll erfahren, nachdem sie Gottes Gebot, die Früchte eines bestimmten Baumes nicht zu essen, gebrochen hatten, und infolgedessen aus dem Garten Eden verbannt worden waren. Beinahe dem Sprichwort folgend „Der Apfel fällt nicht weit vom Baum“ wandeln die Söhne der ersten Gesetzesbrecher auf den Spuren ihrer Eltern und bringen nicht nur den (Bruder-)Mord in die Welt, sondern – für die Kriminalgeschichte nicht weniger wichtig – die körperliche Kennzeichnung des Täters: das Kainsmal.

Obwohl die biblische Geschichte ein Opfer, Abel, kennt, und auch dessen Mörder, Kain, der ein Motiv für seine Tat hat, nämlich Eifersucht auf seinen Bruder, eignet sich dieser Fall, so wie er erzählt wird, (noch) nicht für eine Kriminalgeschichte. Denn diese Geschichte entbehrt genau dessen, weshalb die meisten Leser zu einer Kriminalerzählung greifen: der Spannung. Die aber entsteht nur, wenn man nichts oder nur wenig weiß und sich von der fortschreitenden Lektüre Aufklärung erhofft. Die ‚Fälle‘ von Adam und Eva, von Kain und Abel aber geben – zumindest in kriminalistischer Hinsicht – keine Rätsel auf, da die Leser nicht zu wenig, sondern zu viel wissen: Opfer, Täter und Motive sind von Anfang an bekannt.

Entstehung von ‚Criminalliteratur‘

Die Kriminalliteratur entsteht nicht schon in ‚biblischen‘ Zeiten, sondern viel später, nämlich im Laufe des 18. Jh.s, in der Epoche der Aufklärung. In dieser Zeit werden aufsehenerregende Kriminalprozesse, wie sie etwa in Gerichtsprotokollen archiviert waren, veröffentlicht und kein geringerer als Friedrich Schiller (1759-1805) hat auf Grund seiner Beschäftigung mit solchen ‚Fällen‘ die Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ (1792) verfasst, in der er den Lebensweg eines Verbrechers von dessen Kindheit bis zu seiner letzter Festnahme schildert. Diesem Vorläufer der Kriminalerzählung werden ähnlich gelagerte Erzählungen folgen, wie Heinrich von Kleists (1777-1811) „Der Zweikampf“ (1811) oder „Das Fräulein von Scuderi“ (1821) von E. T. A. Hoffmann (1776-1822), dessen Werke Poe bewundert hat und die viele vergleichbare Motive und Figuren(-Konstellationen) aufweisen wie seine Detektivgeschichten.

Die Entstehung von ‚Criminalliteratur‘ (von lat. ‚crimen‘: Verbrechen) hängt jedoch nicht nur von literarischen Vorbildern ab, sondern mehr noch von den sich am Übergang vom 18. zum 19. Jh. verändernden außerliterarischen Verhältnissen, wobei vier Entwicklungstendenzen besondere Bedeutung erhalten.

(1.) Reformen in der Rechtsprechung und – damit zusammenhängend – die schrittweise Abschaffung der Folter machen neue Mittel zur Aufdeckung von Verbrechen erforderlich. Denn nicht mehr das – wie bis dato womöglich durch die ‚peinliche‘ Befragung (d. h. durch ‚Pein‘, also Schmerzen bereitende Tortur) erzwungene – ‚Geständnis‘ eines Verhafteten soll die Aufklärung von Verbrechen gewährleisten, sondern Beweise oder Indizien, Spuren und Zeichen.

(2.) Die Strafverfolgung erfährt große Fortschritte durch den systematischen Aufbau der Polizeiapparate, zuerst in Frankreich, England und Nordamerika.

(3.) Fortschritte in den Wissenschaften ermöglichen eine effektivere Beweisaufnahme und Spurensicherung: Seit dem Beginn des 19. Jh.s sollen durch die Etablierung der Gerichtsmedizin die Ursachen ‚unnatürlicher‘ Todesfälle untersucht, durch die Erfindung der Photographie die Möglichkeiten eröffnet werden, ‚Steckbriefe‘ mit Fahndungsfotos zu versehen und bebilderte Verbrecherkarteien anzulegen.

(4.) Die rasanten Fortschritte in der Drucktechnik und im Pressewesen sorgen für einen rasch wachsenden Zeitschriftenmarkt, der die Voraussetzungen zur massenhaften Verbreitung von Kriminalerzählungen bildet. Dadurch wird einerseits auf Seiten der Leser eine hohe Nachfrage für unterhaltsame Lektüre erzeugt, andererseits bieten sich für viele Schriftsteller neue Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten. Einer derjenigen Autoren, die diese Chancen erkannt und genutzt haben, war Edgar Allan Poe.

E. A. Poes Leben und Schreiben

Bevor Poe seine epochemachenden Detektiverzählungen schreibt, hat er bereits ein bewegtes Leben hinter sich, das durch viele Höhen und noch viel mehr Tiefen gekennzeichnet ist. Edgar Poe wird am 19. Januar 1809 in Boston (Massachusetts) als zweiter Sohn des Schauspielerehepaars Elizabeth und David Poe geboren. Nachdem sein Vater seine Frau und ihre mittlerweile drei gemeinsamen Kinder 1810 verlassen hatte und seine Mutter mit 23 Jahren 1811 in Richmond (Virginia) gestorben war, kommt Poe als Pflegekind zu dem kinderlosen Kaufmannsehepaar John und Frances Allan (deren Familiennamen Poe seinem eigenen später voransetzen wird); sein älterer Bruder William Henry und seine jüngere Schwester Rosalie finden bei zwei anderen Familien Aufnahme.

Während Poe seine Kindheit und Jugend im Hause seiner Pflegeeltern als recht unbeschwert erlebt, führen alle Versuche, 1826 ein Studium in Charlottesville (Virginia) zu absolvieren, eine Laufbahn als Offizier (von 1828 bis 1831) einzuschlagen oder sich als Journalist zu etablieren, zu keinem Erfolg, sondern zum Zerwürfnis mit seinem Pflegevater. Nach dessen Tod 1834 schlägt sich Poe, der vergeblich auf eine üppige Erbschaft gehofft hatte, mehr oder weniger erfolgreich durchs Leben, wobei er vor allem als Zeitschriftenredakteur in verschiedenen Städten (Boston, New York, Philadelphia) sein Glück sucht – und meist aufs Spiel setzt. Während 1827 ein erster Gedichtband erschienen war, der jedoch kaum Beachtung gefunden hatte, verfasst Poe seit etwa 1830 vor allem Erzählungen und Literaturkritiken, mit denen er sich einen Namen macht, aber auch immer wieder seinen Ruf durch seinen unsteten Lebenswandel, Schulden und Skandale gefährdet. 1836 heiratet er seine 13-jährige Cousine Virginia Clemm, die 1847 an Schwindsucht streben wird. Nachdem zwei weitere Heiratsversuche gescheitert waren und bevor die geplante Hochzeit mit seiner Jugendliebe Sarah Elmira Royster stattfinden konnte, stirbt Poe unter mysteriösen Umständen am 7. Oktober 1849 in Baltimore (Maryland).

weitere Informationen zum Schwerpunkt

The Edgar Allan Poe Society of Baltimore - eine englischsprachige Seite, eine Fundgrube von der auch das Zitat und das Porträt mit Unterschrift stammt. zur Seite

The Edgar Allan Poe Museum in Richmond - ebenfalls englischsprachig und einen Besuch wert. zur Seite

Einige Abbildungen und weitere Details gibt es auch auf Wikipedia. zur Seite

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Poes Einflüsse auf die Literatur seiner Zeit und die späterer Epochen stellen sich als äußert vielfältig dar: Mit seinen kritischen Buchrezensionen hat er ebenso Maßstäbe für die (amerikanische) Literaturkritik gesetzt wie als Verfasser von populären Kurzgeschichten, etwa mit „Der Goldkäfer“ („The Gold-Bug“, 1843). Die Entwicklung der Horrorliteratur verdankt ihm maßgebliche Anregungen, wie durch „Der Untergang des Hauses Usher“ („The Fall of the House of Usher“,1839); und auch die Science-Fiction-Literatur findet bei Poe ‚phantastische‘ Vorbilder, wie in „Hans Pfaalls Mondfahrt“ („Hans Pfaall“, 1835). Mit seinem berühmten, zur Weltliteratur zählenden Gedicht „Der Rabe“ („The Raven“, 1845) wiederum steht Poe am Übergang von der romantischen zur modernen Lyrik und inspirierte vor allem den französischen Symbolismus. Die bis heute nachhaltigste Wirkung messerhand-by-bykst-pixabay aber übt Poe auf die Kriminal- bzw. Detektivliteratur aus.

Die Ermittlungen des Auguste Dupin

In der 1841 erschienenen Erzählung "Die Morde in der Rue Morgue" ("The Murders in the Rue Morgue") finden sich fast alle Merkmale, die zu einer Detektivgeschichte gehören und die sich bereits durch einen Blick auf ihren Inhalt erschließen: In einer im vierten Stock eines Pariser Mietshauses gelegenen und von innen verschlossenen Wohnung in der Rue Morgue werden die fürchterlich zugerichteten Leichen einer älteren und einer jüngeren Frau, Mutter und Tochter, gefunden. Einige Zeugen, die mitten in der Nacht auf Grund lauter Schreie zum Tatort geeilt waren, glauben, zwei sich lautstark streitende Personen gehört zu haben, sind sich auch einig, dass es sich bei einem von ihnen um einen Franzosen gehandelt hat, der mehrmals „sacré“ und „mon dieu“ gerufen habe, während die Stimme seines Kontrahenten nach einer fremden Sprache geklungen habe. Jeder Zeuge will eine andere Sprache (Deutsch, Englisch, Russisch usw.) verstanden haben, derer er selber allerdings nicht mächtig ist, wie sich herausstellt.

Das alles erfahren der namenlos bleibende Ich-Erzähler und sein Freund Auguste Dupin aus verschiedenen Zeitungsartikeln. Auf Grund der unsicheren Beweislage, der Unzugänglichkeit der Wohnung und der bestialischen Verletzungen der beiden Opfer geben die Morde Rätsel auf, welche die Pariser Polizei nicht lösen kann, obwohl sie Zeugen befragt, Spuren gesichert und sogar einen Verdächtigen festgenommen hat. Auguste Dupin jedoch gelingt es, den Fall in kürzester Zeit zu lösen, nachdem er den Tatort besichtigt und die scheinbar geheimnisvollen Umstände scharfsinnig analysiert hat. Dabei stellt sich unter anderem heraus, dass das zunächst vermutete Mordmotiv, versuchter Raub, sich als falsch und der Verdächtigte als unschuldig erweist. Außerdem gelingt es Dupin mit einer List, den Franzosen, den die Zeugen gehört haben, zu sich nach Hause zu locken, um ihn zu verhören und sich letzte Gewissheit über den Tathergang und den Täter zu verschaffen – dessen Identität hier natürlich nicht verraten wird.

Obwohl in diesem Fall fast alle Merkmale einer Detektivgeschichte enthalten sind, geht es Poe um einiges mehr, wie bereits seine – heute etwas langatmig und umständlich wirkenden – Einleitungspassagen nahe legen. In diesen lässt der Autor seinen Erzähler ausführen, wie er den in Paris lebenden, aus gutem Hause stammenden, aber verarmten Auguste Dupin kennen gelernt und, nachdem sich beide angefreundet haben, ein Haus angemietet habe, um fortan gemeinsam ihren kulturellen Neigungen nachgehen zu können.

Im weiteren Verlauf stellt sich heraus, dass der vielseitig gebildete Dupin der Meinung ist, man könne fast alles, was zunächst rätselhaft erscheint, mit Mitteln des Verstandes erklären. Anlässlich eines gemeinsamen Spazierganges demonstriert Dupin seinem verblüfften Begleiter, dass er dessen Gedankengänge nachvollziehen kann, wobei zugleich seine Intuition, also die Fähigkeit, sich in jemanden anderen einfühlen zu können, vorgeführt wird.

Erst nachdem diese grundsätzlichen Vorüberlegungen relativ ausführlich präsentiert worden sind, wird der Doppelmord in der Rue Morgue als eine Art praktisches Beispiel für die eingangs gebotenen Ausführungen erzählt. Mit ähnlichen – ein wenig sperrig anmutenden – Einleitungspassagen beginnen auch die beiden folgenden Detektiverzählungen, die zudem auf die jeweils vorangegangene(n) Geschichte(n) Bezug nehmen.

Dupin ersten Serienheld des Genres

Da der zweite (und später der dritte) Fall des Auguste Dupin an den ersten anschließt, wird sein Protagonist zugleich zum ersten Serienheld des Genres. In „Das Geheimnis der Marie Roget“ („The Mystery of Marie Roget“, 1842) wird die Leiche der im Titel genannten jungen Pariserin in der Seine gefunden, nachdem sie vier Tage lang spurlos verschwunden war. Aber weder die Angehörigen der Toten können Auskünfte über deren rätselhaften Verbleib geben noch fördern die Ermittlungen der Polizei Aufschlüsse über den oder die Täter zu Tage. Deshalb bittet der Pariser Polizeipräfekt Auguste Dupin um Hilfe. Zusammen mit seinem Partner, dem erneut namenlos bleibenden Erzähler, analysiert Dupin akribisch Zeitungsartikel, Polizeiberichte und Zeugenaussagen rund um den Tathergang.

Indem Dupin hauptsächlich falsche Schlussfolgerungen und Fehldeutungen in den Berichten aufdeckt, kommt er zu dem Ergebnis, dass nicht, wie Journalisten und Polizisten bisher vermutet haben, eine Gruppe von Männern das Gewaltverbrechen begangen hat, sondern ein einzelner Täter. Der Mörder muss, wie Dupin mutmaßt, Marie Roget überwältigt und zum Ufer der Seine geschleppt haben, um sie anschließend in ein Boot zu heben und von diesem aus in den Fluss zu werfen. Das Auffinden dieses Bootes werde die Polizei zum Mörder führen, wie Dupin schlussfolgert.

Damit endet die Geschichte – durchaus ein wenig unbefriedigend, da die Vermutungen Dupins zwar plausibel klingen, nicht jedoch am Ende der Erzählung bestätigt werden oder der Mörder gefasst und überführt wird. Poes Absicht erschöpft sich darin, anhand dieses Falles eine logisch-analytische Beweisführung vorgeführt zu haben, deren Ergebnis er für so stichhaltig ansieht, dass die entsprechenden Ausführungen nicht eigens einer Bestätigung in der ‚Realität‘ bedürfen.

Die Ratiocination

In seiner raffiniertesten Dupin-Geschichte, „Der entwendete Brief“ („The purloined Letter“, 1845), schildert Poe, wie einer Dame vom Hofe, womöglich die französische Königin selbst, ein an sie gerichteter Brief gestohlen worden war. Sie kennt sogar den Dieb, ein intriganter Minister, da sie ihn beobachtet hat, als er den Brief an sich genommen hat; und auch er weiß, dass sie ihn bei seinem Diebstahl beobachtet hat. Sie kann aber offiziell nichts gegen ihn unternehmen, da sie befürchtet, dass das Corpus delicti, der Brief, und sein sie kompromittierender Inhalt, wenn er an die Öffentlichkeit gelangt, zu einem aufsehenerregenden Skandal führen würde. Eine ganze Reihe von Versuchen der von ihr beauftragten Polizei, den entwendeten Brief in aller Heimlichkeit wieder zu finden und sicher zu stellen, schlägt fehl. Trotz mehrerer heimlich angestellter Durchsuchungen in den Wohnräumen des Diebes und einiger fingierter Überfälle auf ihn selbst mit intensiven Leibesvisitationen bleibt das ominöse Schriftstück verschwunden.

Vor diesem rätselhaften Hintergrund erhält August Dupin von Seiten des erfolglosen und deshalb um seinen Ruf besorgten Polizeichefs den Auftrag, nach dem Schreiben in aller Diskretion zu suchen. Tatsächlich wird Dupin fündig und kann den Brief seinerseits dem Dieb mit einer List entwenden und dem erstaunten Polizeichef übergeben – nicht ohne Stolz und nicht ohne eine exorbitante Belohnung für seine Arbeit kassiert zu haben. Einmal mehr hat sich die von Poe propagierte Vorgehensweise der von ihm so genannten „ratiocination“ bewährt, d. h. die mittels des Verstandes geleitete Methode zur Aufklärung von scheinbar rätselhaften Sachverhalten.

Dreiteiliges Schema

Wenn man vor dem Hintergrund von Poes Detektiverzählungen die Kriterien betrachtet, die seitdem eine literarische Kriminalgeschichte ausmachen, liegt einer solchen fast immer ein dreiteiliges Schema zugrunde. Den Ausgangspunkt bildet ein Verbrechen – oder abstrakter formuliert: – ein Rätsel; im mittleren und meistens umfangreichsten Teil der Erzählung folgen die Ermittlungen, die dann im Schlussteil zur Überführung des Täters und zur Aufklärung des Falles und zur Auflösung des Rätsels führen. Hinzukommen meist weitere typische Charakteristika, die den Detektiv und seine Ermittlungsmethoden auszeichnen, etwa seine außergewöhnliche Beobachtungs- und Kombinationsgabe, seine Menschenkenntnisse und sein Einfühlungsvermögen. Auch in der Figurenkonstellation finden sich zahlreiche Konstanten: ein den Detektiv unterstützender ‚Assistent‘, der aber meistens ähnlich im Dunkeln tappt wie die häufig überforderte Polizei oder die Leser, die durch falsche Fährten oder fälschlich Verdächtigte in die Irre geführt werden. Edgar Allen Poe hat ein Repertoire an Figuren(-Konstellationen) und Motivkomplexen geschaffen, ohne das die weitere Entwicklung der Kriminal- und Detektivgeschichte kaum denkbar wäre. Seine Detektivgeschichten gehören deshalb zu Recht zum Lektürekanon der Kriminalliteratur.

Während in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s zwar einige Detektivfiguren vorkommen, etwa in Wilkie Collins’ (1824–1889) Romanen „Die weiße Frau“ („The Woman in White“, 1860) und in „Der Monddiamand“ („The Moonstone“, 1868), betritt erst kurz vor der Jahrhundertwende mit Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes der ‚klassische‘ Detektiv schlechthin die literarische Bühne, meist in Begleitung seines Freundes Dr. John H. Watson, der meistens auch als Erzähler fungiert. Doyle beschreibt die Fälle, die sein Meisterdetektivs löst, nicht mehr so traktathaft wie Poe, sondern in weit unterhaltsamerer Weise. Anders als Poe, dessen Geschichten mitunter nüchtern und belehrend wirken, zeigt Doyle seinen Helden sowohl bei genialen Denkoperationen als auch in halsbrecherischen Aktionen. Die Spannung resultiert nicht allein aus der Aufdeckung eines mysteriösen Falles, sondern auch aus der Beseitigung von Hindernissen, die der Held im Verlauf seiner Ermittlungen zu überwinden hat. Aber das ist eine andere (Kriminal-)Geschichte …

Dr. Jürgen Nelles
Mai 2016
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Literaturtipps des Autors:
Textausgaben (in Deutsch)
Edgar Allan Poe: Ausgewählte Werke in drei Bänden. Hg. von Günter Gentsch. Insel-Verlag, Leipzig 1989.

Edgar Allan Poe: Detektivgeschichten. Übersetzt von Hans Wollschläger. Dtv, München, 8. Auflage 1999.

Biographien
Hans-Dieter Gelfert:  Edgar Allan Poe. Am Rande des Malstroms. Biographie. C. H. Beck, München 2008.

Wolfgang Martynkewicz: Edgar Allan Poe. rowohlts monographie, Reinbek bei Hamburg 2003.

Frank T. Zumbach: Edgar Allan Poe. dtv, München 1999.