Finnland

Literatur und schöne Bilder aus dem Gastland der Buchmesse 2014

Wer eine Finnlandkarte betrachtet oder per Google-Earth nach Finnland reist, sieht es sofort: Finnland ist das Land der 1000 Seen. Doch Finnland ist auch das Land der Bücher und Bibliotheken und als solches in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Unser Autor Thomas Völkner wirft einen Blick auf das literarische Finnland.

Mit Finnland kommt in diesem Herbst ein Literaturland zur Frankfurter Buchmesse, das den meisten Lesern bekannter sein dürfte als die Ehrengäste der letzten Jahre. Brasilien (2013), Der Mond über einem See im Westen Finnlands. Neuseeland (2012) und China (2009) konnten vor Beginn ihrer Kampagnen auf relativ wenig Autoren und Romane verweisen, die auf dem deutschen Markt bereits erhältlich waren. Die Gastländer nutzten also ihre Auftritte, um die Grundlagen für die Rezeption ihrer Literaturen hierzulande zu schaffen und der gesamten Wahrnehmung einen Schub zu geben. Dem gegenüber kommt 2014 mit Finnland ein europäischer Nachbar vorbei, den man durchaus schon lesenderweise kennenlernen konnte. Und selbst wer noch kein finnisches Buch aufgeschlagen hat, dürfte einige Assoziationen haben: Man kennt das Land als Vorbild in Bildungsfragen, als Sehnsuchtsort voller Seen und Saunen, und die Hauptstadt Helsinki als Ziel von Ostseekreuzfahrten. Kein Wunder, dass die Verantwortlichen mit „Finnland. Cool.“ ein Motto gewählt haben, welches mit dem leicht klischeehaften Bild von schneebedeckten Landschaften spielt und es zu einer positiven Aussage führen möchte.

Bekannte Namen, eingeführte Figuren


Auf literarischem Terrain kann der Ehrengast auf zahlreiche eingeführte Autorennamen und Figuren aufbauen: Leena Lehtolainen und Taavi Soininvaara schwimmen seit Jahren erfolgreich auf der Welle der Krimis aus Europas hohem Norden. Während Lehtolainens Kommissarin Maria Kallio sich im aktuellen Roman „Wer ohne Schande ist“ im Eishockey-Millieu umtut, beschäftigt sich Soininvaaras Ermittler Arto Ratamo in „Das andere Tier“ mit illegaler Einwanderung und atomarer Waffentechnik. Aus Anlass des 100. Geburtstages der Schriftstellerin und Comiczeichnerin Tove Jansson wird die Buchreihe rund um Janssons Mumin-Trolle fortgesetzt und zudem ihr Erwachsenenroman „Sommerbuch“ neu aufgelegt.

Von mehreren Autoren, deren frühere Bücher schon auf Deutsch erhältlich sind, gehen die jeweils neuesten Romane an den Start, zum Beispiel von Arto Paasilinna („Der Mann mit den schönen Füßen“), Hannu Raittila („Kontinentaldrift“ (erscheint am 14. Oktober)) und Markus Nummi (,Am Anfang ein Garten“). Eine Neuübersetzung des Nationalepos „Kalevala“, das im 19. Jahrhundert einen großen Einfluss auf die Entstehung des finnischen Nationalbewusstseins hatte, liegt bereits vor. Und auch der herrlich schräge Allroundkünstler M.A. Numminen wird mit seinen Betrachtungen über den finnischen Tango pünktlich zur Buchmesse erneut zu Ehren kommen.

Knapp 4.000 belletristische Titel erscheinen jedes Jahr in Finnland, was gemessen an der Einwohnerzahl eine beachtliche Produktion darstellt. Über 80 Prozent stammen von einheimischen Autoren, die in der Regel auf Finnisch oder Finnlandschwedisch schreiben. Publiziert werden die Bücher hauptsächlich von den gut 100 Mitgliedsbetrieben des finnischen Verlegerverbandes. Dessen zehn größte Unternehmen vereinen 33 Prozent aller Neuerscheinungen und satte 90 Prozent des Verkaufsvolumens des Buchmarkts auf sich. Wenn im Anschluss an den Gastlandauftritt bilanziert wird, dürften sich die finnischen Verlagskonzerne auf Mehreinnahmen aus dem Verkauf von Lizenzen nach Deutschland freuen.


Welche neuen Autoren gilt es zu entdecken und über welche thematischen Schneisen lässt sich das umfangreiche finnische Segment des Bücherherbstes 2014 durchschreiten? Mit der folgenden Auswahl soll ein Versuch unternommen werden.

Kaum besungen: Der finnische Nord-Süd-Konflikt


Ende der Sommerferien. Der Junglehrer Jyri kommt mit einem Einjahresvertrag an eine Schule in Lappland. Er ist ein „Südlicht“, also ein Mensch aus dem Süden Finnlands, im Gegensatz zu den angestammten „Nordlichtern“, die die Traditionen der Samen kennen, etwas von Rentierwirtschaft und Holzfällerei verstehen sowie die Weite der Landschaft zu schätzen wissen. Jyri wird im Laufe des Jahres Kontakt zu den Einheimischen finden und in diverse Gebräuche eingeweiht werden. Er wird sich um die ihm anvertrauten Kinder kümmern und von ihnen akzeptiert werden. Gleichzeitig wird er jedoch eine Affäre mit Marianne beginnen, der Mutter des verhaltensauffälligen Lenne. Marianne ist selbst ein „Südlicht“, und sie hat längst aufgegeben, sich vollständig integrieren zu wollen. Sie wünscht sich, in den dichter bevölkerten, kulturell besser ausgestatteten Süden Finnlands zurückzukehren. Ihre Ehe mit dem von finanziellen Sorgen geplagten Rentierzüchters Jouni ist längst zerbrochen.

„Nordlicht – Südlicht“ heißt der Erstlingsroman des Lehrers Mooses Mentula, der selbst als „Südlicht“ mehrere Jahre in Lappland unterrichtet hat. Mentulas Figuren, die mit Empathie und Witz ausgestattet sind, entziehen sich der strengen Schwarz-Weiß-Zeichnung. Auch die kernigen Kerle sind mitunter nervös und unsicher, die vermeintlich unschuldigen Außenseiter agieren manipulativ und diejenigen, denen eine Opferrolle zuzukommen scheint, fallen bisweilen völlig aus der Rolle. Man lernt eine Gesellschaft in Finnlands abgelegenen Norden kennen, deren Zusammenhalt von Bruchstellen durchsetzt ist. Allzu oft haben manche Figuren erlebt, wie Verbindungen zwischen Nord und Süd, Land und Stadt, Natur und Zivilisation auseinandergedriftet sind, dass sie inzwischen von einer Zwangsläufigkeit des Scheiterns ausgehen.

Viele hängen am dünnen Lebensfaden


1867 irgendwo im ländlichen Finnland, das damals zu Russland gehörte, weit entfernt von Helsinki und noch weiter von Sankt Petersburg. Im Vorjahr ist die Ernte weitgehend ausgefallen. Der Winter hat früh eingesetzt und dauert in der erzählten Gegenwart nun schon eine gefühlte Ewigkeit. Die Zeit dehnt sich ins Extreme, wenn die Vorräte aufgebraucht sind und man nichts mehr zu Essen bekommt. Die Menschen in Finnland durchlitten eine der letzten europäischen Hungerkatastrophen.

Aki Ollikainen hat für seinen ersten Roman „Das Hungerjahr“ eine Ausgangssituation gewählt, die in unserer Zeit kaum mehr vorstellbar ist: Da macht sich Marja, eine Bauersfrau Am Pallastunturi (Lappland) aus der Provinz, gemeinsam mit ihren beiden kleinen Kindern auf den Weg in den Süden. Fort von der Scholle, die keinen Ertrag erbracht hat, hin zu Gegenden, die sie noch nie gesehen hat, wo sie sich aber die Linderung der existenziellen Not erhofft. Juhani, Marjas Ehemann, ist bereits so sehr geschwächt, dass er zurückbleibt. Ein schneller Tod durch Erfrieren scheint den Eheleuten besser zu sein als ein mühseliges Vorankommen, wenn man einen Halbtoten mit sich schleppt muss. Der Autor findet fast poetische Sätze über den nahen Tod, diesen ständigen Begleiter der drei Binnenflüchtlinge.

Marja und die Kinder werden Teil eines riesigen Bettlerheeres, das 1867 quer durch Finnland zog. Sie begegnen Menschen, die sie am Ofen schlafen lassen, ihre dünne Milchsuppe teilen oder sie eine kurze Wegstrecke auf dem Wagen mitnehmen. Andere wiederum greifen die Flüchtlinge an oder säen Streit und Zwietracht, weil sie selbst nur noch an einem dünnen Lebensfaden hängen. In kurzen Zwischenkapiteln richtet sich der Blick auf eine Handvoll Vertreter der städtischen Oberschicht. Einige empfinden Mitgefühl, wissen aber nicht, wie sich die Lage im Land verbessern lassen könnte. Aki Ollikainen erzählt mit großer Klarheit von der Bandbreite an Worten und Taten, die die Hungersnot bei den Menschen hervorbrachte. Dabei enthält sich der Autor jedweder moralischen Bewertung. Er scheint eher darauf zu setzen, dass sein eindringlicher Text die Leserinnen und Leser zur Reflexion einlädt. Vielleicht auch über die Fluchtbewegungen unserer Tage ...

Am Rande der Katastrophe des 20. Jahrhunderts


Die in der deutschsprachigen Literatur unzählige Male ausgeleuchtete Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges bietet den Hintergrund für die neuen Romane zweier finnischer Autoren. Lesende Zaungäste aus der Mitte Europas können einen historischen Zeitraum aus unbekannten Perspektiven neu betrachten und en passant etwas über die Geschichte Finnlands und seines südlichen Nachbarn Estland lernen.

Der Schriftsteller Kjell Westö beschäftigt sich in „Das Trugbild“ mit der Lage in Finnland im Jahr 1938. Dabei interessieren ihn vor allem die Angehörigen der privilegierten Schichten, speziell die Bevölkerungsgruppe der Finnlandschweden, zu denen der Autor selbst zählt. Um einen speziellen Konflikt zu schildern, macht Westö zudem einen Rückgriff auf den Bürgerkrieg rund 20 Jahre zuvor, in dem bürgerlich-konservative gegen sozialistische Kräfte um die Ausrichtung des gerade unabhängig gewordenen Landes kämpften.

Die beiden Helden des Romans sind der Rechtsanwalt Claes Thune und seine Büroangestellte Matilda Wiik. Thune lebt in Scheidung von seiner Frau Gabi, die ihn hintergangen und ihre Erlebnisse in einem Buch mit amourösen Kurzgeschichten ausbreitet hat. Matilda ist eine zurückhaltende, alleinstehende Frau, die ein Geheimnis umgibt. Der mitfühlende Thune knüpft ein lockeres Band zu ihr, die beiden unterhalten sich über Standesgrenzen hinweg, ohne jedoch in eine engere Beziehung zu treten. Größere soziale Verpflichtungen hat Thune gegenüber seinen Freunden, mit denen er sich regelmäßig in einer kleinen Männerrunde trifft. In den alkoholgeschwängerten Gesprächen treten allerdings immer mehr persönliche und politische Differenzen zum Vorschein. Das Echo der politischen Ereignisse in Nazi-Deutschland ist in Finnland deutlich zu vernehmen.

Als Matilda Wiik zum ersten Mal dem Freundeskreis ihres Chefs begegnet, erstarrt sie vor Angst. Sie erkennt in einem der Männer einen ehemaligen Soldaten, der sie kurz nach dem finnischen Bürgerkrieg mehrfach vergewaltigt hat. Fast zwei Jahrzehnte lang hat sie die Erfahrungen von sich fernhalten können. Doch nun beginnt Matilda, mit gespenstischer Ruhe und Konzentration einen Plan zu schmieden und diesen Schritt für Schritt umzusetzen.
 

Häutung, Täuschung und Verrat


Der aktuelle Star der finnischen Literatur ist Sofi Oksanen. Der Tochter eines finnischen Vaters und einer estnischen Mutter ist mit dem Roman „Fegefeuer“ ein Weltbestseller geglückt. Oksanen wird bei der Eröffnung der Buchmesse den offiziellen literarischen Vortrag des Gastlandes Sofi Oksanen halten. 

Ihr neuer Roman „Als die Tauben verschwanden“ spielt in Estland während des Zweiten Weltkrieges sowie in den 1960er Jahren. Die Lektüre vermittelt einiges Wissen über den estnischen Widerstand gegen die Annexion durch die Sowjets 1940, über die deutschen Besatzung und die Untaten der SS bis 1944, schließlich über der Wiedereingliederung in die UdSSR. Die Bewohner der Baltenrepublik mussten innerhalb weniger Jahre mehrfach entscheiden, auf wessen Seite sie sich schlagen sollten, wem die individuelle Loyalität gehören sollte.

Sofi Oksanen erzählt die Geschichte des Ehepaares Edgar und Juudit Parts sowie deren Verwandten Roland Simson. Sie führt die beiden Männer als Untergrundkämpfer ein, die sich zunächst für den Fortbestand eines unabhängigen Estland einsetzen. Als die Deutschen das Baltikum einnehmen, dient sich Edgar, der Karriere machen will, unter falschem Namen den Nazis an. Mit der Zeit verstrickt er sich zwangsläufig in die NS-Verfolgungs- und Tötungsmaschinerie. Juudit hat derweil eine Affäre mit einem hohen SS-Offizier, der ihr inmitten der Kriegswirtschaft ein sorgenfreies Leben ermöglicht. Bei dem Einmarsch der Sowjets müssen sich Edgar und Juudit wie viele ihrer Landsleute neue Biographien zurechtlegen, da Kollaborateuren die Lagerhaft in Sibirien drohte. Edgar erweist sich erneut als Meister der Häutung, der Täuschung und des Verrats. Einige Romankapitel zeigen ihn im Sowjet-Estland der 1960er Jahre, als er im Auftrag des Geheimdienstes an der Niederschrift einer Abhandlung über die deutsche Okkupation sitzt. Allerdings: Wie soll er angesichts seiner eigenen Verstrickung über diese Periode schreiben? Wie findet er einen Weg, sich selbst aus der Historie herauszuhalten? Kann er vielleicht über Roland, der seinerzeit tatsächlich gegen die Deutschen opponierte, seither aber als verschollen gilt, einen Anknüpfungspunkt für die Schreibarbeit finden?

Drastische Geschichte von der Liebe


Es ist der letzte Tag eines langen, ungewöhnlich warmen Sommers in Finnland. Anna wird von ihrem Freund mit einer Frage überrascht: „Sollen wir nicht doch heiraten?“ Die Frage lässt die junge Frau innehalten und nachdenken. Über ihre Mutter, die dem abwesenden Vater nicht verzeihen konnte. Über die Badenden, die vom Strand zum Wellenbrecher schwimmen wollen und dabei die große Distanz unterschätzen. Über Entscheidungen, die sich bisweilen als zu weitreichend, zu konfliktträchtig und zu gewagt erweisen. Eine ganze Vorgeschichte steckt in der kurzen Frage, ob die Liebe der beiden per Trauschein besiegelt werden soll oder nicht. Am Ende machen sie sich auf den Weg – und zwar in Richtung des Wellenbrechers weit draußen im Meer, um dort die letzten Sonnenstrahlen einzufangen.

Mit dieser Story wird ein Reigen von zehn Kurzgeschichten aus der Feder von Raija Siekkinen eröffnet, der unter dem Titel „Wie Liebe entsteht“ erschienen ist. Es ist das erste ins Deutsche übertragene Werk der Autorin, die vor zehn Jahren bei einem Hausbrand ums Leben kam. Siekkinens Texte handeln vor allem von Frauen. Meistens begegnet man ihnen in Momenten, in denen sich Wendepunkte im Leben ereignen oder Liebesdinge eine Entscheidung verlangen. Etwas Neues kündigt sich an – und manchmal merken die Figuren erst viel später, dass sie die zur Entscheidung notwendigen Auseinandersetzungen schon längst innerlich ausgefochten haben.

In der Geschichte, die dem Buch den Titel gibt, erläutert eine Figur namens Annika diesen insgeheim ablaufenden Vorgang, den mehrere Protagonistinnen auf die eine oder andere Weise erfahren. In den folgenden beiden Sätzen dürfte die Essenz von Raija Siekkinens Kurzgeschichten stecken: „Unterhalb der Ereignisse verlief noch ein tieferer Strom des Geschehens, dunkel und unberechenbar im Verlauf. Dort reifen Entscheidungen, langsam und ohne dass man es merkte, während oben das Leben weiterging und unbedeutende Kleinigkeiten sich addierten, bis man eines Morgens, ohne zu begreifen warum, aufwachte und es wusste.“

Das Nachdenken über die Liebe, ihre Entstehung und ihr mögliches Scheitern führt bei Raija Siekkinen ausdrücklich nicht zu Heile Welt-Geschichten. Bei ihr kann die Liebe sterben wie der Mensch, der sie in sich trug oder auf den sie gerichtet war. Die Liebe kann sich bei zwei Partnern in völlig gegensätzliche Richtungen entwickeln. Und sie kann einen Menschen lähmen, so sehr, dass seine Bewegungen immer langsamer werden. Was dann bleibt, sind wenig mehr als Traurigkeit oder instinktiv geballte Fäuste in den Jackentaschen. Manchmal, aber eben nur manchmal, lässt eine tief empfundene Übereinstimmung die Liebenden gemeinsam losschwimmen. Der Wellenbrecher erscheint auf einmal erreichbar. Vielleicht ist er es tatsächlich ...

Thomas Völkner
Oktober 2014


Bildnachweis

Header: Christoph Holzapfel - CC BY-NC 3.0 DE
Mond über dem See: Christoph Holzapfel - CC BY-NC 3.0 DE
Mumin-Figuren: Mumin-Shop am Flughafen Helsinki-Vantaa (Ausschnitt): wikipedia.org - Katsutoshi Seki - CC BY-SA 3.0
Elch: Christoph Holzapfel - CC BY-NC 3.0 DE
Am Pallastunturi: Claudia Kürsten / www.normal-ist-lahm.de - CC BY-NC 3.0 DE
Blick vom Südhafen auf Markt und die Lutherische Kathedrale - wikipedia.org - Photograph by Mikko Paananen Modified by -Majestic- and Ilmari Karonen Self-published work by Mikko Paananen - CC BY-SA 3.0
Sofi Oksanen: Foto Toni Härkönen
Mökki: Christoph Holzapfel - CC BY-NC 3.0 DE