Ikarien

Im Tagebuchstil taucht der Leser ein in das Nachkriegsdeutschland. Hansen, der Sohn eines in die USA emigrierten Tierpräparators, gelangt als US-amerikanischer Offizier 1946 zurück nach Deutschland. Er soll durch Befragungen den Ikarien im Bereich der Eugenik tätigen, bereits verstorbenen Wissenschaftler Alfred Ploetz besser beurteilen und dessen Nachlass sortieren. An Informationen gelangt er über dessen langjährigen Freund Wagner. Wagner selbst hat sich immer mehr von Ploetz entfernt und verbrachte einige Zeit im KZ und später im Untergrund. So entspinnt sich zwischen Hansen und Wagner ein beklemmendes und bisweilen auch munteres Gespräch über die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, über verschiedene politische Richtungen, verschiedene Bekanntschaften, über utopische Gesellschaftsmodelle, über lesenswerte und verbotene Literatur, über das Zeitgeschehen. Immer wieder gelangen sie zurück zu Ploetz und diskutieren dessen experimentelle Ansätze zur Rassenhygiene. - Der Leser ist demnach gefordert, zwischen den einzelnen Zeiten und Themen hin und her zu springen. Ein gewisses Vorwissen der Zeit, um Namen und Anspielungen einordnen zu können, ist von Vorteil. Durch die Perspektive Wagners auf Ploetz' Arbeit ist immer Raum für kritische Äußerungen, die schwierigen Themen werden daher facettenreich diskutiert. Insgesamt ein zwar beklemmendes, aber überaus gelungenes Buch zur Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte.

Antonia Mentel

Antonia Mentel

rezensiert für den Borromäusverein.

Ikarien

Ikarien

Uwe Timm
Kiepenheuer & Witsch (2017)

505 S.
fest geb.

MedienNr.: 590860
ISBN 978-3-462-05048-6
9783462050486
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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