Schildkrötensoldat

In diesem Roman begleiten wir in der Rahmenhandlung die Erzählerin auf eine Reise in ihre kroatische Heimat, um sich von ihrem Lieblings-Cousin Zoltan zu verabschieden. Ihn selbst schildert die Autorin in bildstarken Szenen und in Schildkrötensoldat einer Sprache, die ganz seiner Welt entstammt. Denn Zoltan hat intellektuelle Defizite, die sich nach einem Sturz vom väterlichen Motorrad verstärken. Umso enger verbunden ist er den Tieren und Pflanzen, der Garten seiner Eltern ist sein Paradies. Sobald er sich in der Welt draußen bewegen muss, wird es hart für ihn. "Die Schule ein Hindernis aus Zahlen und Buchstaben", heißt es. Während seiner Ausbildung zum Bäcker scheitert er und darf nur noch die Mehlsäcke schleppen - eine Demütigung auch für seine Eltern. Schließlich wird Zoltan zum Militär eingezogen - der Krieg zwischen Kroatien und Serbien ist in vollem Gang. Psychisch gebrochen kommt er nach Hause, lebt nur noch vier Monate. Die Cousine immerhin, sie schickt aus der Schweiz Geld für Medikamente und kommt die Eltern nach Zolis Tod besuchen. - Der Roman der Buchpreisträgerin von 2010, die aus der ungarischen Minderheit in Kroatien stammt und inzwischen Schweizerin ist, erzählt poetisch aber dennoch ohne Beschönigung von Diskriminierung im Alltag und Unmenschlichkeit im Krieg und dem Traum, geliebt zu werden, der manchmal nur in Bruchstücken erfüllt wird. Lesenswert und auch für Jugendliche geeignet!

Gabie Hafner

Gabie Hafner

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Schildkrötensoldat

Schildkrötensoldat

Melinda Nadj Abonji
Suhrkamp (2017)

172 S.
fest geb.

MedienNr.: 863915
ISBN 978-3-518-42759-0
9783518427590
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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