Schreckliche Gewalten

Der zweite Roman von Jakob Nolte liest sich wie ein übersteuertes Drehbuch von Tarantino. Die Fülle von Gewalt- und Sexszenen wird halbwegs gebändigt durch eine szenische Form, die sich in der Reduktion vieler Kapitel auf nur jeweils Schreckliche Gewalten eine Seite zeigt. Einige Szenen wiederholen sich, tote Figuren tauchen wieder auf. Die Handlung beginnt mit dem Mord einer zur Werwölfin verwandelten Frau an ihrem Mann. Wir folgen deren Kindern dann auf einer ziemlich verrückten Reise durch die 1970er Jahre. Iselin stößt zu einer feministischen Guerillatruppe in Norwegen, der Bruder Edvard vagabundiert mit einer nihilistischen Truppe an den Rändern der Sowjetunion. Eingebaut in den Plot sind zeithistorische Ereignisse (wie das Olympiaattentat 1972), medizinisches und astronomisches Wissen, fiktive Flugzeugentführungen und Dialoge über Wahrheit, Freiheit und den Sinn des Unglaubens. Was wie ein Horrorfilm beginnt, wächst heran zu einem grotesk überzeichneten, symbolisch schwer befrachteten und doch leichtfüßig erzählten Pandämonium des späten 20. Jahrhunderts. Ein schwieriges und empfindlichen Lesern nicht so leicht zumutbares Buch. Dennoch, weil es quer zum Zeitgeist und zur Realismusdoktrin steht, ein empfehlenswertes Erzählexperiment.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Schreckliche Gewalten

Schreckliche Gewalten

Jakob Nolte
Matthes & Seitz (2017)

340 S.
fest geb.

MedienNr.: 870161
ISBN 978-3-95757-400-8
9783957574008
ca. 22,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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